Angst vor der Macht der Stille

„Das schweigende Klassenzimmer“ basiert auf einer wahren Geschichte, die einer der einst beteiligten Schüler als Buch veröffentlicht hat. Regisseur Lars Kraume, schon mit „Der Staat gegen Fritz Bauer“ ein Aufarbeiter unbequemer deutscher Nachkriegsgeschichte, hat aus diesen Erinnerungen einen bewegenden Spielfilm gemacht, der beweist, wie gut deutsches Kino abseits eingefahrener Schienen sein kann.
Junge, unverbrauchte Darsteller sind es, die in Kraumes Film der Abiturklasse der Oberschule in Stalinstadt – heute Eisenhüttenstadt – ein eindrucksvolles Gesicht geben. Als Theo und Kurt bei einem Besuch in einem Westberliner Kino den Wochenschaubericht über die Kämpfe während des Ungarnaufstands sehen, überreden sie ihre Klassenkameraden zu zwei Minuten solidarischen Schweigens im Unterricht. Lehrer und Schulräte sehen in der Aktion einen Akt der Rebellion gegen die noch junge sozialistische Republik. In der Folge setzt der repressive Staat alles daran, Beteiligte zu bestrafen.
Innerhalb der bekannten Geschichte des Arbeiter- und Bauernstaats schildert „Das schweigende Klassenzimmer“ ein weitgehend unbekanntes Kapitel, das zivilen Ungehorsam und Zivilcourage ebenso trefflich thematisiert, wie es das starre Familienleben in der deutschen Nachkriegszeit zeigt. Gleichzeitig entlarvt Kraume in seinem spannenden historischen Psychogramm die manipulative Vorgehensweise des Staats in den Verhören der Schüler und offenbart so die erschütternde Unsicherheit einer nicht wirklich demokratischen Demokratie.
Ein außergewöhnlicher Film, der sich vor Vergleichen mit „Das Leben der Anderen“ oder auch „Der Club der toten Dichter“ nicht zu verstecken braucht.

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