Selfie-Mania

Ich am Strand, ich auf einem Konzert, ich und mein Haustier, ich und meine Freunde auf einer Party, . . . Jeder hat wohl schon so ein Foto von sich im Internet gepostet. Doch warum machen wir das eigentlich? Stefanie Kirsamer hat sich mit der Kölner Cyberpsychologin Catarina Katzer darüber unterhalten.

Warum posten gerade junge Menschen ständig Fotos von sich selbst?

Im Teenageralter entwickeln wir eine eigene Identität. Bei der Bildung unserer Persönlichkeit ist es wichtig, wie man auf andere wirkt. Im Internet hat man dazu viel mehr Möglichkeiten. Außerdem sind die heute Unter-20-Jährigen alle mit Handy bzw Smartphone aufgewachsen. Das Smartphone ist bei vielen jungen Menschen wie ein weiterer Körperteil. Es gehört einfach dazu, auch weil es alle anderen machen. Es ist eine Art Lifestyle auf Konzerten, Party, usw ständig seinen Freunden per Snapchat, Whatsapp, usw. mitzuteilen, was gerade abgeht.

 

Warum? Dann verpasst man doch die ganze Party bzw das Konzert?

Viele erleben das Konzert oder die Party gar nicht mehr emotional. Das stimmt. Für viele junge Menschen ist wichtiger geworden, anderen zu sagen, wie cool es hier gerade ist und zu zeigen, dass sie ein Teil davon sind. Ohne Smartphone und dieses Präsentieren hätten viele gar keinen Spaß auf einer Party.

 

Lassen sich deshalb auch so viele noch von Partyfotografen in Diskos ablichten, obwohl sie ja eigentlich mit ihrem eigenen Smartphone ein Foto machen könnten?

Nicht nur, es geht schon auch darum, dass man Teil des Ganzen war. Aber, wenn ein professioneller Fotograf von mir auf der Party ein Foto macht, wertet das mich auf. Man fühlt sich geschmeichelt.

 

Die Bilder werden von den Veranstaltern oder den Fotografen auch ins Netz gestellt.

Das freut viele, weil dann alle sehen können, dass man selbst Teil einer ganz besonderen Party war.

 

Sind Menschen durch soziale Medien größere Selbstdarsteller geworden?

Nein, Selbstdarstellung war schon immer ein menschliches Bedürfnis. Wir wollen bei anderen ein Bild von uns entstehen lassen. Soziale Medien bieten uns allerdings ganz andere Möglichkeiten dies zu tun und sie geben uns das Gefühl, das Ganze steuern zu können.

 

Die Kontrolle über meine Bilder und Videos ist doch aber gerade in sozialen Medien schwierig. Wenn sich Dinge im Netz viral verbreiten, kann man eigentlich nichts dagegen tun.

Ja, das stimmt. Die Kontrolle ist nicht immer gegeben. Nur in dem Moment, in dem ich ein Bild auf Instagram poste oder ein Video auf Youtube hochlade, wird mir vorgegaukelt, dass ich es im Griff habe. Es besteht ihr eine Diskrepanz in der Wahrnehmung.

 

Wie meinen Sie das?

Ins Netz stellen viele Dinge, die sie im echten Leben vor richtigen Menschen nicht machen würden. Online lässt man seine Hemmungen schneller fallen. Nackt durch einen vollbesetzten Bus laufen, fühlt sich für viele schlimmer an, als ein Nacktvideo im Internet. Auch wenn das Online-Video eventuell viel mehr Menschen sehen.

 

Warum ist das so?

Die Öffentlichkeit im Netz nehme ich emotional anders wahr. Wenn jemand unter mein Foto einen fiesen Kommentar postet, kümmert das weniger, als wenn man das gleiche direkt ins Gesicht gesagt bekommt.

 

Dann bleibt noch die Frage, warum stellen Menschen überhaupt Peinlichkeiten ins Netz?

Generell ist es keine schlechte Eigenschaft, wenn man sich über sich selbst lustig machen kann. Aber viele posten besonders peinliches, verrücktes oder auch gefährliches, um von anderen bewundert zu werden. Doch welchen Effekt meine Posts bei meinen Followern haben, kann ich nicht steuern. Wenn ich dann ein Nacktvideo poste kann das ziemlich schiefgehen. Wenn es alle lustig finden, dann sinkt bei mir meine Hemmschwelle und ich traue mich immer mehr peinliche Dinge zu posten. Und das überträgt sich dann auch auf mein echtes Leben und ich bin irgendwann nicht nur digital hemmungslos.

 

Dr. Catarina Katzer gehört zu den führenden Experten auf dem Gebiet Cyberpsychologie-Verhalten, Emotionen und Denken im digitalen Zeitalter. Sie entwickelt Konzepte eines digitalen Präventionsmanagements und arbeitet als Expertin für Kommissionen des Europarates, des Deutschen Bundestages sowie Regierungsinstitutionen im In- und Ausland. Catarina Katzer studierte Volkswirtschaftslehre, Soziologie & Sozialpsychologie und promovierte und lehrte am Institut für Wirtschafts- und Sozialpsychologie der Universität Köln. Heute leitet sie das Institut für Cyberpsychologie & Medienethik in Köln.

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