Ein Ort mit hundert lachenden Gesichtern

Es gibt einen Ort, an dem wäre ich jetzt viel lieber als hier. An diesem Ort stehen heute ein bunt gemustertes Zelt und eine große Bühne. 120 Kinder und Jugendliche sind aufgeregt und reden wild durcheinander, denn es wird gleich ein buntes Programm geben. Die Kinder haben in den letzten Tagen gemeinsam mit den Volunteers einen kleinen Beitrag, von Singen über Akrobatik, Tanzen bis hin zum Einradfahren einstudiert. Die Stimmung ist aufgeregt und heiter. Alle wuseln wild durcheinander und warten gespannt auf den Beginn der Show. Denn heute ist Tihar das „Fest der Lichter“.

Dieser Ort befindet sich in einem Ortsteil von Kathmandu in Nepal. Dort steht das „Self Help Nepal House“, ein Kinderheim für Halbwaisen, Waisen und Kinder aus sehr armen Familien. Ich durfte in diesem Kinderheim neuneinhalb Wochen meiner Semesterferien verbringen. Aber vielleicht sollte ich mich erst einmal vorstellen.

Ich heiße Laura Knödler, bin 24 Jahre alt und studiere im siebten Semester Sonderpädagogik an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg. In diesem Studium ist es vorgesehen, einige Praktika zu absolvieren. Das geht auch im Ausland. Da ich ein sehr neugieriger Mensch bin, und alles immer selber ausprobieren muss, stand für mich schnell fest, dass ich mein Professionalisierungspraktikum in einem Entwicklungsland machen möchte. Die Wahl fiel auf Nepal, da mir meine Mutter, die an der DHBW in Heidenheim arbeitet, öfter von einer Dozentin erzählte, die ein Kinderheim in Nepal aufbauen möchte. Über sie kam ich dann in Kontakt mit dem Verein „Haus der Hoffnung Nepal e.V.“, der in Schwäbisch Gmünd seinen Hauptsitz hat. Mich interessierte, was Kinder und Jugendliche außerhalb der Schule brauchen, um erfolgreich lernen zu können.

Ich habe mir bewusst ein Kinderheim ausgesucht, da in meinem letzten Schulpraktikum ein Schüler in einem Heim gelebt hat. Außerdem wird mir seit einiger Zeit immer häufiger bewusst, dass wir in Deutschland Luxus als normal ansehen und viele Dinge nicht mehr wertschätzen können. Ich wollte deshalb unbedingt einmal auf möglichst viele Dinge verzichten und ein ganz einfaches Leben führen.

Am 30. Juli begann die Reise für mich in München, mit einem Koffer vollgepackt mit Spenden und Geschenken an die Kinder. Natürlich war ich unglaublich aufgeregt und gespannt. In Istanbul sollte ich drei weitere Praktikanten kennenlernen, die von Deutschland aus auf dem Weg ins Haus der Hoffnung waren. Von Istanbul aus ging es weiter nach Kathmandu.

Ankunft in Kathmandu:

In Kathmandu ging gerade die Sonne auf, als wir uns im Landeanflug befanden – vorbei an beeindruckenden Bergriesen und saftig grünen Reisfeldern. Und dann kam der Smog. Man flog direkt in eine braune Pampe hinein.

Abgeholt wurden wir am Flughafen von zwei anderen Praktikanten, die schon seit vier Monaten dort arbeiteten. Nach 30 Minuten Taxifahrt kamen wir im Kinderheim an und wurden von den Kindern neugierig gemustert. Diese sind es gewohnt, dass regelmäßig neue Volunteers ankommen und nach einiger Zeit wieder gehen.

Das Kinderheim ist auf zwei Häuser verteilt. In einem Haus leben die Jugendlichen ab der siebten Klasse, im anderen die Kinder bis zur sechsten Klasse (fast 100 Kinder). Dort war ich hauptsächlich eingeteilt.

Zum Frühstück gab es bereits morgens um 8 Uhr „Dal bhat“, das nepalesische Nationalgericht. „Dal“ ist eine Linsensuppe, „bhat“ bedeutet Reis. Dazu isst man gut gewürztes saisonales Gemüse. Dieses Essen gab es von diesem Tag an zweimal täglich – morgens und abends.

Der Tagesablauf im Haus der Hoffnung:

Ein Tag im „Haus der Hoffnung“ läuft immer ähnlich ab. Die Kinder standen um fünf Uhr auf. Auch an freien Samstagen und in den Ferien. Für uns Praktikanten startete der Tag um 6.15 Uhr mit der „Study time“. Ich betreute über die meiste Zeit meines Aufenthaltes den 13-jährigen Himal, der seit zwei Jahren zur Schule geht. Wir lernten gemeinsam englische Vokabeln und bereiteten ihn auf anstehende Prüfungen vor.

Nach der „Study time“ deckten die Praktikanten gemeinsam mit den „Didis“, den Hausangestellten, und den Kindern den Tisch. Andere Praktikanten spielten gemeinsam mit den Kindern oder sangen mit ihnen. Nach dem Essen machten sich die Kinder für die Schule fertig. „Standing in lines!“, hieß es dann. In Nepal ist es üblich, sich regelmäßig in Reihen aufzustellen, um dann geordnet abzumarschieren. Wir brachten die Kinder und Jugendlichen zum Schulbus und hatten den restlichen Tag bis 16 Uhr Freizeit.

In dieser langen Mittagspause konnten wir die Tempel und Stupas in der Umgebung anschauen, Städte besichtigen, in Thamel, dem Touristenviertel von Kathmandu, bummeln gehen oder Wäsche waschen. Von Hand wohlgemerkt. Wir hatten nämlich weder warmes Wasser, noch eine Waschmaschine. Neun Personen teilten sich das kleine Badezimmer ohne Dusche. Dafür hatten wir eine tolle Dachterrasse mit beeindruckender Aussicht über Kathmandu und jeden Abend einen herrlichen Sonnenuntergang.

Um 16 Uhr kamen die Kinder aus der Schule zurück. Im Kinderheim wurden die Schuluniformen ausgezogen und die Hauskleidung angezogen. Dann begann eine kurze Spielpause für die Kinder und jeder bekam Obst als Zwischenmahlzeit. Danach wurden wieder gemeinsam die Hausaufgaben gemacht und anschließend gemeinsam zu Abend gegessen. Das „Gute Nacht sagen“ war immer das Highlight des Tages: wir Praktikanten stellten uns vor dem Hauseingang auf. Dann gab es Küsschen und Umarmungen und ein „goog night aunty“ von den Kindern.

Ausflüge:

Da man im „Haus der Hoffnung“ als Praktikant eine 7-Tage-Woche hat, spricht man sich unter den Praktikanten ab, dass man auch mal mehrere Tage am Stück freinimmt. Mit drei weiteren Praktikanten nutzte ich die Gelegenheit und begab mich auf den „Annapurna Basecamp Trek“ begehen. Dieser „Trek“ hat mich fast täglich ans Ende meiner Kräfte gebracht, da der gesamte Weg fast ausschließlich aus Stufen besteht. Allerdings war es die Mühe jeden Tag aufs Neue wert, da die Aussicht oben einfach unglaublic war. An einem Tag liefen wir schon morgens um halb fünf los, um den Sonnenaufgang über dem Annapurna-Gebirge aus 3210 Metern Höhe zu bewundern. Das war ein beeindruckender und einmaliger Anblick. Und auch die Aussicht vom Basecamp aus auf 4130 Metern war atemberaubend.

Feste in Nepal:

In Nepal werden Feste immer mit buntem Programm und am besten noch mit einer großen Bühne gefeiert. So wurden wir Praktikanten an „Teej“, dem Frauentag, in die Schule eingeladen und bekamen neben Essen und Getränken auch ein tolles Programm präsentiert. An „Teej“ konnten wir gemeinsam mit den nepalesischen Frauen im Tempel tanzen. Gegen Ende meines Aufenthaltes begann dann das „Dashain Festival“. Das Festival geht über 15 Tage und fällt in die Zeit nach der Ernte. Die Menschen fahren alle in die Dörfer zu ihren Familien und haben ein großes Festmahl, bekommen neue Kleider und bauen „Dashain Schaukeln“ aus Bambus. In dieser Zeit war Kathmandu wie leergefegt. Es fuhren kaum Autos auf den sonst so vollen Straßen, viele Läden hatten geschlossen. Und man konnte endlich einmal durchatmen.

Fazit:

Ich werde oft gefragt, was ich in meiner Zeit in Nepal gelernt habe. Ich habe sehr viel Armut gesehen, Menschen, die in sehr einfachen Verhältnissen, ohne Dusche und Waschmaschine und ohne persönlichen Rückzugsort, leben. Ich habe neue Freundschaften geschlossen, neue Einsichten in eine andere Kultur erhalten. Nein viel mehr: Ich durfte ein Teil dieser Kultur sein: Im Tempel mit nepaleschen Frauen Tanzen. Mit Nepalesen gemeinsam essen, im selben Haus mit ihnen wohnen. Ich wurde überall sehr freundlich aufgenommen.

Nepal ist ein buntes, lautes und auch etwas chaotisches Land. Aber ich habe meine Zeit dort sehr genossen und werde sehr davon. Ein großer Dank geht deshalb an den Deutschen Akademischen Auslands-Dienst (DAAD) für das PROMOS-Stipendium, womit diese besondere Zeit erst möglich wurde. Und an meine Mutter für ihre Unterstützung und die Fahrdienste zum Flughafen, wann immer es mich mal wieder in die Ferne zieht.

 

Info

Das „Haus der Hoffnung“ sucht regelmäßig neue Praktikanten. Weitere Informationen gibt’s unter http://www.hausderhoffnung-nepal.de/index.php.

Das neueste aus der Rubrik Stories