Gleich, aber anders  

Als Übersetzer für ein Safariunternehmen bin ich fast drei Monate durch ganz Botswana gereist. Mit dem Allradwagen, dem Flugzeug und dem Boot habe ich so in Zelten, Lodges und kleinen Lehmhütten Land und Leute in- und auswendig kennen lernen dürfen. Von Supermärkten bis zum Straßenmarkt, vom Skorpion bis zum Löwe, vom Guavensaft bis zum Bier gibt es unzählige skurrile Unterschiede zu unserem alltäglichen Leben in Deutschland. Vieles ist aber auch viel ähnlicher als man vermuten würde. Ich habe acht, für Deutschland so wie für Afrika alltägliche Dinge herausgesucht und mit botswanaschen Reiseerfahrungen verknüpft.

 

Reisen

In Botswana liegen die Städte soweit auseinander, dass man meist einen halben Tag unterwegs ist um in die Nachbargemeinde zu reisen. Verbunden werden die bewohnten Inseln in der trockenen Savanne mit schnurgeraden Straßen, die mal kilometerweit keinen Knick aufweisen können. Wenn man sie befährt kommt es einem schon fast unwirklich vor. Durch Luftspiegelungen über dem warmen Asphalt sieht es beinahe so aus, als ob der Himmel weit vor und hinter dem Auto auf die Straße ausläuft. Über die Elefanten und Antilopen Warnschilder muss ich anfangs noch schmunzeln, aber spätestens als der erste Dickhäuter vor uns aus dem Busch auf die Straße schreitet, halte ich Fahrten im Dunkeln für keine sichere Idee mehr. Geschwindigkeitsbegrenzungen sind aus deutscher Sicht niedrig aber müssen eingehalten werden. Auf weiten Streckenteilen zwingen enorme Schlaglöcher den Reisenden im Schneckentempo Slalom zu fahren, oder sogar auf Sandpisten neben der Straße auszuweichen. Abseits der Hauptverbindungswege wird nur auf sandigen Schotterpisten gefahren. Unsere riesige Staubwolke hat uns immer schon auf weite Distanzen angekündigt. In Maun selbst herrscht ein entspannter Straßenverkehr. Der Linksverkehr hat mir zwar ein paar Mal den Schreck in die Glieder gejagt, wenn zum Beispiel der Taxifahrer scheinbar falsch herum in den Kreisel fährt, aber sonst sind sture Esel und Kühe auf der Straße hier der einzige Grund, am Steuer die Nerven zu verlieren.

 

Stress

So etwas wie Stress existiert nicht in Afrika. Als Deutscher ist genau das manchmal stressig und man muss erst lernen sich anzupassen. Wenn eine ganze Reisegruppe zehn Minuten wartet, weil der Guide einen Freund getroffen hat und zwei Augenblicke später dasselbe passiert, wird man als Europäer mit dem Flugplan im Kopf ungeduldig. Auch Diskussionen, die stressig werden könnten, werden einfach nicht geführt. An so tagelang ungelöste Situationen muss man sich erst gewöhnen. Aber am Ende funktioniert doch alles irgendwie. Auch mit stundenlanger Verzögerung kommt man am Abend rechtzeitig an. Das Essen kam nie spät genu für eine Beschwerde. Ein Sprichwort im afrikanischen Tourismus lautet: „Der Europäer hat die Uhr, aber der Afrikaner hat die Zeit.“

 

Größenverhältnisse

In Botswana entwickelt man einen ganz neuen Sinn für Größenverhältnisse. Zuhause gibt es kaum ein Tier, das nicht zur Türe unserer Wohnung hereinspazieren könnte, während es in Maun kaum ein Wohnhaus gibt, das über den Kopf einer einheimischen Giraffe herausragt. Ich kann es kaum glauben, dass Tiere mit riesiger Kraft direkt außerhalb der Städte leben, dass Elefanten an den selben Stellen trinken, an denen auch Menschen Wasserholen. Auf der hügeligen schwäbischen Alb, ist es schwer vorstellbar, wie klein man sich inmitten einer Salzpfanne fühlt, wenn bis zum Horizont nichts als trockenes Gras, weiße Flächen und der blaue Himmel zu sehen ist. Diese Dinge, für uns schon Superlative, gehen hier Hand in Hand mit sehr kleinen Zahlen. Botswana umfasst 1/3 mehr Fläche als Deutschland, hat aber nur 2,3 Millionen Einwohner.  Maun hat circa gleich viele Einwohner wie Heidenheim, ist aber trotzdem die drittgrößte Stadt des Landes. Vor allem außerhalb der Städte leben viele Leute mit minimalem Luxus ohne fließendes Wasser und ohne Elektrizität. „BushTV“, wie das Lagerfeuer von den Guides oft genannt wird, macht mit den Milliarden Sternen und ihren Geschichten die einzige Unterhaltung am Abend aus.

 

Probleme

Auch in einem Land, mit hoher AIDS-Rate und fließend Wasser und Elektrizität nur in manchen Regionen, bleiben die größten Probleme die gleichen wie bei uns. Liebe, Freundschaft, Arbeit und Genuss. Wenn man zusammen sitzt, wird über nervige Kollegen gelästert und sich über Schulden und Frauen gestritten. Auf Safari gelten die meisten Gedanken der Guides ihren Familien zuhause in Maun. Genau wie in Heidenheim ist die Jugend geplagt von Liebeskummer und Mobbing in der Schule oder Modeproblemen und dem Verlangen nach einem neuen Smartphone. Sonntags macht man sich nach der Kirche zuhause in der Lehmhütte Gedanken, wo man das Bier für den Abend herbekommt, da der Spirituosenladen ja geschlossen hat.

 

Essen

Botswana ist ein Land der Fleischesser! Zu jeder Mahlzeit gibt es Fleisch dazu. Vor allem Rind. Wild, wie zum Beispiel Kudu, wird nur für Touristen importiert, oder illegal genossen, da die Jagt verboten ist. Interessant sind die kross gebratenen Mopanewürmer. Auf Märkten abseits der Touristischen Gebiete, findet man den Snack am Strassenrand. Ohne Sauce oder Gewürze schmeckt die zähe fünf Zentimeter lange Raupe aber nach nicht viel. Auch im Supermarkt gibt es meistens eine große Fleischtheke. Schöne Steaks, wie wir sie gewohnt sind, sind hier aber in der Unterzahl. Rinderleber, -Herz, -Milz und -Magen liegen neben Hühnerinnereien, Köpfen Hälsen und Füßen. In Deutschland frage ich mich manchmal was mit diesen Dingen passiert, hier frage ich mich wo das ganze „normale“ Fleisch landet.

Eine der interessantesten kulinarischen Erfahrungen ist aber das kochen im Busch über dem Feuer. Auf Safari werden nur mit etwas Feuerholz und einem portablen Grillrost wahre Sternemenüs gezaubert. Brot, Kürbisse, Spiegelei, alles ist möglich auf der Flamme, die zwischen den Zelten romantisch aus dem Hartholz züngelt.

 

Tierhaltung

Kühe haben immer Vorfahrt! Leider weniger aus Respekt vor den Tieren, als aus Angst um die respektierte Stoßstange und den Geldbeutel. Ställe habe ich während dem Aufenthalt in Botswana keine gesehen. Das Vieh weidet tagsüber frei und die Hühner picken sich was sie brauchen von der Straße. Wenn eine Kuh totgefahren wird, zahlt der Fahrer des Autos die Kuh und der Halter der Kuh muss das Auto reparieren. Das ist die bisher beste Lösung, wird mir erzählt. Die meisten Menschen, auch in der Stadt, besitzen Vieh. Nicht um wirklich profitabel zu wirtschaften, sondern als Statussymbol und Geldanlage. Wer viele Rinder besitzt wird hoch angesehen und ist ein reicher Mann. Die, mit Vornamen gebrandmarkten, Tiere werden meist jeden Abend von billig arbeitenden Jungen wieder zusammengetrieben, zum Schutz vor wilden Tieren. Während in Heidenheim eine Dose Hundefutter schon fast 10€ kosten kann, versuchte in Maun ein kleiner Junge mir den halben Tag lang einen Welpen für dasselbe Geld (ca. 100 Pula) zu verkaufen. Haustiere ohne nutzen sind, hier nur unter weißen Einwanderern üblich.

 

Himmel

Oh mein Gott dieser Himmel! Wenn man sich einfach am helllichten Tag auf den Boden legt und in den blauen Himmel starrt, kann man, ich weiß nicht ob es an der besonderen Farbe, oder am Staub liegt, sofort sagen ob man sich im südlichen Afrika oder  zuhause in Heidenheim befindet.

Ein halbes Jahr während der Trockenzeit, unserem Sommer, ist das Wetter jeden Tag sonnig und der Himmel wolkenlos und tiefblau, bevor die Sonne sich abends senkt und scheinbar von Geisterhand auf ihre doppelte Größe aufgepustet wird. Sie ist dann so prall, dass Orangetöne, von denen wir in Deutschland nur träumen, aus ihr herausplatzen und über die Köpfe der stauenden Zuschauer schießen. Höflich verschwindet die Sonne nach ihrem pompösen Auftritt am Horizont, um den Sternen ihre Show zu gewähren. Zahlreich betreten sie die Bühne. Dank einer sauberen Luft ohne starke Lichteinwirkung, da große Städte fehlen, sieht man, je nach Region, deutlich mehr Sterne als bei uns im Schwabenland.

 

Party

Unter Party und Feiern versteht man in Botswana vor allem eines, und zwar Tanzen. Und das kann durchaus auch mal am Straßenrand auf dem Heimweg sein. Kinder lassen dann die Hüften kreisen und winken freudig vorbeifahrenden Autos zu. Auch ältere Leute, die man im Brenzclub sicher nicht mehr treffen würde, sind hier abends unterwegs und haben ihren Spaß. Mit dem Alkohol und mit dem andern Geschlecht. Freitagnacht in Maun trifft man sich, um sich wild zum Rhythmus zu bewegen und natürlich auch um Alkohol, viel Alkohol, zu trinken. Der ist hier zwar vergleichsweise billig, aber man kann ihn nur in speziellen Läden oder Bars kaufen und das trinken auf der Straße ist auch verboten. Traditionelle Tänze kriegt man in der Stadt nur noch als Show für Touristen zu sehen. In der gelebten Kultur sind sie als rituelle Tradition fast ausgestorben, als Spaß am Lagerfeuer mit selbstgebrautem Palm-Bier aber noch quicklebendig.

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