Nur mit Handgepäck

Mehr oder weniger spontan in einen Flieger springen um dann allein und nur mit einem Rucksack auf dem Rücken ein fremdes Land zu erkunden, von dessen Sprache man kein Wort versteht – für die meisten Menschen klingt das beunruhigend. Für Christian Schmid aus Auernheim ist es dagegen die perfekte Art, Urlaub zu machen. Im Herbst war der 28-Jährige abseits der ausgetretenen Touristenpfade in Vietnam unterwegs.

Die Facebookseite „Amazing Things in Vietnam“ machte Christian erst auf das Land in Südostasien aufmerksam. „Seit Monaten hatte ich immer wunderschöne Bilder von Vietnam in meinem Newsfeed. Irgendwann im Sommer habe ich dann beschlossen, dass ich unbedingt dort hin will“, erklärt er. Letztendlich sei er dann vor die Wahl gestellt worden: Alleine reisen – oder gar nicht. Da habe der 28-Jährige kurzerhand die Gelegenheit beim Schopf gepackt, denn Zuhause bleiben kam nicht in Frage. Erst zwei Wochen vor der Abreise hat er seine Flüge von München nach Saigon und wieder zurück gebucht. „Für mich fängt das Abenteuer an, wenn man nicht für alles einen Plan hat“, sagt Christian – und nach dieser Definition handelt es sich bei seiner Vietnam-Reise ganz bestimmt um ein solches. Denn außer dem Hin- und Rückflug hat Christian vor Reisebeginn nichts gebucht, lediglich drei Stationen im Inland eingeplant, die er auf jeden Fall besuchen wollte.

Mit nichts als Handgepäck durch Südostasien

Doch beim Betreten des Flugzeugs, unterwegs in ein völlig fremdes Land mit nur 8 Kilo Gepäck auf dem Rücken, hatte selbst er ein mulmiges Gefühl im Bauch. Doch kaum angekommen in der Ho-Chi-Minh-Stadt Saigon, der größten Stadt des Vietnam, war dieses Gefühl schnell vergessen. „Die Stadt ist so lebendig und von Verkehrsregeln sieht man dort keine Spur“, beschreibt Christian. Tausende von Rollern, beladen mit zahllosen Reissäcken, und uralte Pkws seien durch die Gassen geflitzt, das Überqueren einer Straße wurde so zum risikoreichen Glücksspiel: „Man weiß nie, wer jetzt anhält und wer noch extra Gas gibt. Verkehrsschilder sind dort auch eher Dekoration als richtige Vorschriften“, meint er.

Nach drei Tagen in Saigon stieg Christian bereits ins nächste Flugzeug, um die zweite Station seiner Reise anzupeilen: die Insel Phú Quốc im Süden. Dort sei er auf noch völlig unberührte, traumhaft schöne Strände gestoßen. Doch gleichzeitig befände sich die Insel auch bereits im Umbruch. „Vietnam wird nachgesagt, dass es das neue Thailand ist“, erklärt Christian. Auf Phú Quốc merke man das im Moment bereits ganz deutlich, denn es werden zahlreiche Hotels gebaut für die künftigen Touristen. Auf den Nachtmärkten sei aber noch alles ganz typisch vietnamesisch: Alles, was das Meer zu bieten habe, wird dort feil geboten – und außerdem auch Hundefleisch, lebende Kröten und Hühner-Embryonen. Tabus kenne die vietnamesische Küche nicht – wie er zu seinem Leidwesen am eigenen Leib erfahren muss: Drei Tage lang lag Christian mit einer Lebensmittelvergiftung in der Hängematte.

Eine Zeitreise in die Welt der Bergvölker

Erst dann ging es für ihn weiter in die Hauptstadt Hanoi und von dort nach Sa Pa, einer Stadt im Hochgebirge im Norden des Landes. Für Christian der spannendste Teil der Tour: „Es fühlte sich fast wie eine Zeitreise an“, erzählt er. Denn die Bergvölker leben dort noch heute wie wir vor hundert Jahren: Ohne Internet, ausschließlich vom Reisanbau und gemeinsam mit mehreren Generationen unter dem Dach einer kleinen Hütte. Zwei Tage hat Christian dort bei einer Familie verbracht, die ihm ihre Gastfreundschaft angeboten habe. Zahlreiche Nutztiere ergänzten den Haushalt des Drei-Generationen-Hauses, dessen Mitglieder ihre Felder noch mit Hilfe von Wasserbüffeln bestellen. „Je weiter man allerdings in die Berge kommt, desto schwerer fällt auch die Verständigung auf Englisch“, meint Christian. Doch mit Händen und Füßen und vor allem einer hilfreichen Dolmetscher-App habe er sich stets behelfen können.

Sein weiterer Weg führt ihn über den Fansipan, den höchsten Berg des Landes, auf schlammigen Wegen und über malerische Reisterrassen nach Cat Cat und schließlich mit dem Nachtbus in die Halong Bucht, die weltberühmt ist für ihre Kreidefelsen. Als letzten Zwischenstop, bevor es nach Saigon und von dort aus wieder zurück nach München geht, verschlägt es Christian erneut nach Hanoi. „Dort hätte mich dann beinahe zum Abschluss noch ein Zug überrollt“, sagt er lachend. Denn die Gleise führten mitten durch die Stadt mit nur wenigen Zentimetern Abstand bis zur nächsten Häuserwand – da sei er davon ausgegangen, dass hier kein Betrieb mehr herrsche. Doch der Zug brauste mitten hindurch und nur Augenblicke später seien die Gleise wieder voller Menschen gewesen.

Vietnam – eine Reise wert?

Für künftige Vietnam-Reisende hat Christian einen Tipp: „Sich nicht von dem Schlechten, was man hört, abschrecken lassen.“ Denn auch er sei im Vorfeld vor Malaria-Gebieten, der Kriminalität im Land und der Verbreitung des HI- sowie des Zika-Virus gewarnt worden. „Aber Vietnams Ruf ist viel schlechter, als es dort tatsächlich ist“, meint er. Von den Krankheiten habe er auf seiner Reise gar nichts mitbekommen und trotz seines Bauchgefühls als erfahrener Polizist habe er sich stets sicher gefühlt – Vorsicht sei natürlich trotzdem geboten. Einzig die Korruption im Land habe sich auch ihm auf seinem Trip bemerkbar gemacht – das sei aber die einzige Kehrseite der Medaille. Wer die Reise wagt, würde dafür auch reichlich belohnt: Mit einem wunderschönen Land, das vom Massentourismus noch nicht berührt wurde, gastfreudliche Menschen sowie eine reiche Kultur und Natur zum Bestaunen bietet. Mit dem Backpack auf dem Rücken hat Christian für sich den idealen Weg gefunden, um ein Land zu erkunden. Dank seiner Spontaneität ist er in der Planung der Reise flexibel geblieben und konnte jedem Abenteuer nachgehen, das ihn reizte. „Meine Erwartungen an das Land, die ich ja vor allem durch Fotos hatte, wurden auf jeden Fall mehr als übertroffen“, meint er.

Empfehlenswert sei es auch, sich auf TripAdvisor nach Unterkünften umzusehen – und stets ein Taschenmesser in der Hosentasche zu haben. „Das habe ich wirklich jeden Tag gebraucht. Vor allem, um Früchte zu schneiden“, sagt er. Und auf seine Dolmetscherapp würde er auch nicht verzichten wollen – besonders in der Situation nicht, als er sich ohne Bargeld in einem Dorf verirrt hatte, in dem keiner Englisch sprach. Da Christian auf teure Hotels während seiner Reise verzichtet hat, ist ihn der Urlaub insgesamt auch nicht teuer gewesen. „In Vietnam ist alles wirklich sehr günstig, Unterkünfte und Verpflegung bekommt man schon für wenige Euro am Tag“, meint er.

Was Christian bei seinem nächsten Trip nach Vietnam anders machen würde? „Ich würde auf alle Fälle Sonnencreme einpacken“, sagt er lachend. „Ich bin zwar auch der Typ, der immer behauptet, er bekomme keinen Sonnenbrand – aber dort hat es dann auch mich ganz schön erwischt.“

 

Das neueste aus der Rubrik Stories