Auf YouTube lässt er Funken und Späne fliegen

Sie dokumentieren ihr Leben in „Vlogs“, zeigen ihre Videospiel-Künste in „Let’s Play“-Videos, oder „pranken“ sich einfach nur gegenseitig: YouTuber dominieren die Unterhaltungsbranche heute mehr denn je – und werden dabei scheinbar immer jünger. Nicht selten sieht man 13-Jährige, die parallel zur Schulzeit Videos auf der Online-Plattform hochladen und oftmals Zehntausende Abonnenten vorweisen können. Einer dieser YouTuber ist der 15-jährige Phillip Rau. Abonnenten: 39 700. Gesamt-Klickzahl seiner Videos: 9,6 Millionen. Sein Metier: Holzverarbeitung.

Ja, richtig gelesen, Holzverarbeitung. Phillip produziert weder Gaming-Videos noch dreht er Make-up-Tutorials, er stellt auch nicht die neuesten elektronischen Gadgets vor. Stattdessen fliegen auf dem Kanal des Gerstetters Funken und Späne – „Der kleine Drexler“ nennt sich Phillip dort. Mithilfe einer Drechselbank stellt er unter anderem Schalen, Schneidebretter, Teelichter und sogar Weizengläser aus Holz her.

Bereits als Kind hat Phillip sich zusammen mit seinem Vater Bernhard Rau handwerklich beschäftigt, dabei entstand unter anderem ein selbstgebautes Schaukelgerüst. Mit gerade einmal elf Jahren drechselte er eine Schüssel aus Walnussholz und präsentierte diese auf einer Hobbykünstlerausstellung. Was dem heute 15-Jährigen damals noch nicht klar war: Dies sollte die Saat für seine Zukunft als Youtuber säen. „Damit auch alle glauben, dass ich die Schüssel selbst gedrechselt habe, haben wir die Herstellung der Schüssel gefilmt – sozusagen als Beweisvideo“, berichtet Phillip. Dieses lud er auf der Video-Plattform hoch – „Der kleine Drexler“ war geboren.

Eis auf der Drechselbank

Zunächst stieg die Abonnentenzahl nur langsam an. Bis Phillip auf die Idee kam, statt Holz Eis als Drechselmaterial zu benutzen. „Das ist das Besondere an ihm“, sagt Bernhard Rau mit Blick auf seinen Sohn. „Nur er kam auf die Idee, einfach mal Eis zu verwenden.“ 1,6 Millionen Mal wurde das Video bis heute geklickt. Genug Ansporn für Phillip, das Pensum zu erhöhen: Jede Woche gibt es bei dem Schüler ein neues Video. Phillip steht dabei vor der Kamera, Mama Christina oder Papa Bernhard filmen das Ganze und auch beim Videoschnitt ist die gesamte Familie beteiligt.

Gerade bei größeren Projekten zählt Phillip auf die Hilfe seiner Eltern. So zum Beispiel beim Wohnzimmertisch von Familie Rau. Dieser besteht aus einer 15 Zentimeter dicken Holzplatte und bringt satte 300 Kilogramm auf die Waage. Fürs Drechseln, Filmen und Schneiden opfert Phillip fast all seine Samstage: „Dieses Hobby bedeutet einen sehr großen Zeitaufwand. Manchmal filmen wir einen kompletten Tag lang und am Ende entsteht dabei nur eine einzelne Minute Videomaterial.“

Dass die gesamte Familie Rau hier an einem Strang zieht, zeigt auch ein Blick in das Zuhause der Gerstetter. Überall stehen die Ergebnisse der Drechselarbeit, das Holz dafür kaufen die Raus entweder beim Förster im Gemeindewald ein oder sie bekommen Holzreste von Nachbarn geschenkt. Inzwischen finanziere sich das Hobby von Phillip sogar, auch wenn das durch YouTube und Weihnachtsmärkte verdiente Geld direkt wieder in neue Ausrüstung investiert wird.

Zwangspause dank Verletzung

Dieser Tage muss Phillip seine Werkzeuge allerdings ruhen lassen. Aufgrund einer Sehnenentzündung in der rechten Hand, die er sich vor einem Vierteljahr zugezogen hat, muss der Schüler momentan pausieren. Vor knapp zwei Monaten kam die nächste Hiobsbotschaft: Auch die linke Hand hatte sich entzündet. „Ich kann zurzeit eigentlich gar nichts mit meinen Händen machen“, ärgert sich Phillip. „Ich brauche Hilfe beim Anziehen und sogar beim Essen.“ Schreiben steht derzeit ebenfalls außer Frage, weshalb der Gerstetter auch seit einiger Zeit krankgeschrieben ist und nicht zu Schule gehen kann. Vermutlich erst ab dem Frühjahr wird es Phillip wieder möglich sein, mit seinen Händen zu arbeiten. „Bis ich schwere Geräte wie eine Motorsäge halten darf, wird es sogar noch ein bis zwei Jahre dauern.“

Einen Lichtblick gibt es dennoch: Wie im Vorjahr soll es auch in diesem Dezember wieder eine Art virtuellen Adventskalender auf Phillips YouTube-Kanal geben. Soll heißen, jeden Tag erscheint ein Video, in dem die Zuschauer lernen können, wie man kleine Deko- und Geschenkartikel aus Holz selber drechseln kann. Hilfe bekommt Phillip bei dem aufwendigen Projekt von seinem Vater. Dieser soll an Stelle von Phillip drechseln, während der 15-Jährige die Videos moderiert und Anleitungen gibt.

„Nach dem letzten Jahr wollten wir den Adventskalender eigentlich nicht wiederholen“, gibt Bernhard Rau zu. Der Aufwand sei schlicht und einfach zu groß gewesen. „Aber Phillip hatte in letzter Zeit nichts mehr, auf das er sich freuen kann, aus diesem Grund haben wir uns umentschieden.“ Die Fangemeinde des jungen YouTubers wird sich freuen. Übrigens stammen nur rund 50 Prozent der Zuschauer aus Deutschland; „Der Kleine Drexler“ erhält Kommentare aus aller Welt, darunter aus Libyen und Kolumbien.

Fotos: Christian Thumm

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