FSJ in einer inklusiven Kita: „Windeln wechseln ist nichts dagegen“

Letztes Jahr habe ich mein Abitur gemacht. Was ich danach mit meinem Leben anstellen wollte, stand noch nicht fest. Eigentlich wollte ich arbeiten und etwas reisen, neue Erfahrungen sammeln – was man eben so nach dem Abi macht. Ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) kam für mich tatsächlich nie in Frage.

Als sich die Sommerferien dem Ende zuneigten, wurde mir klar, dass ich noch nicht bereit war, alleine durch die Weltgeschichte zu reisen. Also suchte ich nach einer Beschäftigung, bei der ich neue Erfahrungen sammeln konnte, aber dennoch nicht komplett auf mich alleine gestellt war. Ich stieß auf Freiwilligenprogramme im Ausland, Work & Travel, Au-Pair – aber nichts davon sprach mich so richtig an. Nach langem Zögern bewarb ich mich dann doch für ein FSJ in der inklusiven Kita Villa Kunterbunt in Heidenheim. Ich kannte die Chefin der Einrichtung und einige Freunde, die dort auch gerade ihr FSJ absolvierten – und begeistert waren. So schlimm konnte es dort also nicht sein.

Nachdem Francesca Valentin vergangenes Jahr ihr Abitur gemacht hat, absolvierte sie an der Heidenheimer Kita Villa Kunterbunt ihr Freiwilliges Soziales Jahr. (Foto: privat)

Die ersten Schritte sind die schwersten

Im September ging es los. Ich lernte meine Kolleginnen kennen, die Kinder, die anderen FSJler und mein neues Arbeitsumfeld. Alles hat gepasst, wir wurden sofort ins Team aufgenommen und bekamen unsere Aufgaben zugeteilt. Diese bestanden neben der Arbeit in der Gruppe mit den Kindern aus hauswirtschaftlichen Tätigkeiten. Wir waren also auch zuständig für das Saubermachen, wenn die Kinder weg waren. Am Anfang kam mir das alles so unglaublich viel vor und die ersten Wochen waren die anstrengendsten, die ich je erlebt hatte. Es waren so viele neue Eindrücke, dass ich gar nicht wusste, wohin damit. Vor Antritt des Freiwilligen Sozialen Jahres wusste ich nicht einmal, ob ich Kinder überhaupt leiden konnte. Kleiner Spoi­ler: Ich liebe Kinder – jetzt, da ich weiß, wie man mit ihnen umgeht.

Die anfängliche Anstrengung und die Unsicherheit legten sich ganz schnell. Die anderen FSJler und ich wurden ein gutes Team und arbeiteten nicht nur schneller, sondern hatten auch Spaß dabei, die Spülmaschine auszuräumen oder den Boden zu wischen. Alles macht mehr Spaß, wenn man es mit Freunden macht. Und das waren wir schon nach kurzer Zeit.

Nach ein paar Monaten hatte ich das Gefühl, schon ewig im Kindergarten zu arbeiten und ich fand es toll. Die Beziehungen zwischen mir und dem Kollegium wurden freundschaftlicher und offener, die Kinder akzeptierten mich als Autorität und ich wusste, was ich tat. Das ist ein Zustand, den ich zuvor noch nie erlebt habe. Bisher war ich nie so richtig selbstständig gewesen. Denn vor allem in der Schule schwimmt man einfach irgendwie mit, ohne richtig zu wissen, warum.

Das ist etwas, das mich das FSJ in der Villa Kunterbunt als erstes gelehrt hat: Verantwortung übernehmen. Verantwortung für die Kinder, für meine Aussagen und Tätigkeiten, für Fehler, die ich gemacht habe oder für Probleme, die entstanden sind und gelöst werden mussten. Ich habe gemerkt, wie ich selbstständiger und bewusster im Umgang mit Menschen wurde und anders mit schwierigen Situationen umgegangen bin. Nicht nur bei der Arbeit, sondern auch in meinem Privatleben brachte mich das weiter.

Allgemein bin ich durch das Jahr im Kindergarten sehr viel reifer geworden, ohne es so richtig zu bemerken. Der Prozess passierte ganz nebenbei, doch wenn ich jetzt zurückschaue, fällt mir auf, wie groß diese Entwicklung war. Ich durfte den Arbeitsalltag kennenlernen, in einem großartigen Umfeld die Arbeit des Erziehers erleben und mit tollen Menschen zusammenarbeiten. Ich verdanke diesem Jahr und meiner Einrichtung so viel.

Die inklusive Kindertagesstätte Villa Kunterbunt in Heidenheim. (Foto: Jennifer Räpple)

Die kleinen Dinge schätzen lernen

Eine weitere, ganz besondere Erfahrung war für mich jedoch die Arbeit mit den Kindern. Wie anfangs erwähnt, wusste ich vor meinem FSJ gar nicht, ob ich überhaupt mit Kleinkindern umgehen kann, geschweige denn mit Kindern mit Behinderungen. Ich musste mehrmals über meinen Schatten springen, meine Grenzen ausweiten und vor allem Geduld bewahren. Geduld war nie meine Stärke, daher war das das Schwierigste für mich. Wartet mal 25 Minuten, bis sich ein Kind die Schuhe gebunden hat – da ist Windeln wechseln nichts dagegen. Aber wenn man dann die Fortschritte miterleben darf, die ein Kind in einem Jahr macht, dann vergisst man schnell, wie hart der Weg dorthin war. So klischeehaft es jetzt klingen mag, aber es sind die kleinen Dinge, die einem die größte Freude machen. Als mein Bezugskind endlich lernte, sich alleine die Zähne zu putzen, war es so stolz. Ich war sogar noch stolzer, weil ich es selbst was, die ihm das beigebracht hatte.

Doch nicht nur die Fortschritte, sondern auch das Vertrauen der Kinder und die Liebe, die sie mir entgegenbrachten, machte mich stolz. Ich kann das gar nicht richtig in Worte fassen, da es für mich am Anfang so unbegreiflich war. Ich fürchte, je älter man wird, desto weniger schätzt man die vermeintlich unscheinbaren Dinge, die jemand anderes für einen tut. Wenn uns jemand ein Glas Wasser einschenkt, sagen wir „Danke“ und denken uns nichts weiter dabei. Kinder geben einem hingegen etwas zurück. Sei es ein leise gemurmeltes „Ich hab dich lieb“, weil man ihnen erlaubt hat, mit der Puppe zu spielen, oder eine vorsichtig herübergeschobene Himbeere beim Frühstück – sie danken es dir immer auf ihre eigene naive Weise.

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