Mädchenpower in MINT-Berufen

Voith-Trainingscenter, Montagabend um 18 Uhr. Der Raum füllt sich nach und nach mit Menschen in schicken Anzügen und schönen Kleidern. Und mittendrin: zehn junge Frauen, nicht weniger schick gekleidet – dafür umso nervöser. Sie sind die erste Generation Absolventinnen der Heidenheimer Girls’ Day Akademie.

Ein ganzes Schuljahr trafen sie sich jeden Montagnachmittag und arbeiteten gemeinsam mit Voith, verschiedenen IT-Firmen und einigen Forschungseinrichtungen an Projekten und schnupperten in naturwissenschaftliche und technische Berufe.

An diesem Abend sollen die Absolventinnen vorstellen, was sie das letzte Schuljahr alles gelernt und erlebt haben. Im Trainingscenter ist dabei ziemlich viel los: Neben den Angehörigen der zehn jungen Frauen sind auch zwei Professoren der Dualen Hochschule Heidenheim, die Schulleitungen und einige Lehrer der Eugen-Gaus-Realschule, der Hiller-Schule, der Hirscheck-Schule sowie der Adalbert-Stifer-Realschule vor Ort. Auch zu Gast bei der Abschlussfeier sind einige Mitarbeiter der Firmen und Betriebe, bei denen die Mädchen im vergangenen Jahr zu Besuch waren und ebenso natürlich die Hauptansprechpartner der diesjährigen Girls’ Day Akademie: Angelika Leinweber und Ingrid Beuter-Koesling vom BBQ – einer Einrichtung für Bildung und berufliche Qualifizierung, welche die Heidenheimer Girls’ Day Akademie begleitet und betreut.

So sehen stolze Akademie-Asolventinnen aus. (Foto: Sabrina Balzer)

Weg vom Herd, rein in die MINT-Berufe

Beuter-Koesling erklärte dann auch, warum die Girls’ Day Akademie heutzutage noch immer so wichtig ist: „Die Frau hat im letzten Jahrhundert ihre Küchenschürze gegen eine Hose eingetauscht, ist vom Herd weggekommen und emanzipiert. Aber es sind immer noch zu wenig Frauen in MINT-Studiengängen, in technischen Berufen und Führungspositionen.“ Die Welt brauche Mädchen, die sich mit mädchenuntypischen Dingen beschäftigen wollen und sich nicht schämen, dies zu tun. Und genau das ist das Ziel der Girl’s Day Akademie: Jungen Frauen zu ermöglichen, hinter die Fassade an Vorurteile über Frauen- und Männerberufe zu sehen – um später selbst entscheiden zu können, ob die Welt der Technik etwas für sie ist oder nicht.

Eine Girls’ Day Akademie gab es bislang in Heidenheim und Umgebung noch nie: Um auf das Projekt aufmerksam zu machen, war Organisatorin und Hauptansprechpartnerin Angelika Leinweber an diversen Schulen in der Region unterwegs, um Mädchen für die Akademie zu begeistern. Daraufhin trudelten die Anmeldungen der heutigen Absolventinnen ein, die neugierig darauf waren, was die Welt der Mathematik, Naturwissenschaft und Technik zu bieten hat.

Die Fühler in die Berufswelt ausstrecken

Auf den letzten Drücker meldete sich da beispielsweise noch die 17-jährige Gabriella zur Girls’ Day Akademie an. Vor kurzem hat sie ihren Hauptschulabschluss gemacht und wollte darum während des letzten Schuljahres schon mal ihre Fühler in die Berufswelt ausstrecken – und schauen, ob sich vielleicht etwas ergibt.

Und genau so lief es dann auch: Gabriella lernte während bei der Girls’ Day Akademie ein Programm der Hanns-Voith-Stiftung kennen, das junge Menschen, die sich noch nicht für einen Ausbildngsplatz entschieden haben, begleitet und bei der Berufswahl unterstützt – auf dem gesamten Weg von der Bewerbung bis hin zum Ausbildungsstart.

Gabriella bewarb sich – und wurde promt genommen: „Ohne die Girls’ Day Akademy hätte ich vermutlich nie von dieser Möglichkeit erfahren“, sagt sie.  „Dort lerne ich alles – vom Schreiben des Lebenslaufs, über das Bewerbungsgespräch bis hin zu den eigentlichen Berufen. Es wird sehr praxisorientiert gearbeitet, sodass ich jeden Beruf einmal testen kann“, so die 17-Jährige.  Bereits durch die Girls’ Day Akademie konnte sie einige Berufe kennenlernen – sich auf einen festzulegen, fiel ihr allerdings bislang schwer: „Aber dafür habe ich ja jetzt noch ein Jahr Zeit.“

Essbare, fluoreszierende Bubbles durften die Mädchen im Chemielabor selbst herstellen. (Foto: Sabrina Balzer)

Ebenso unvoreingenommen meldete sich auch Amelia für das einjährige Pilotprojekt. Die 15-Jährige besucht derzeit die Adalbert-Stifter-Realschule. Ob sie sich bereits vor der Girls’ Day Akademie für Technik interessiert hat? Heftiges Kopfschütteln von Amelia, sie lacht. „Ich war nie wirklich technikorientiert, eigentlich lag das überhaupt nicht in meinem Interessengebiet. Aber ich hatte einfach Lust darauf, das mal auszuprobieren!“

Jetzt, nach einem Jahr an der Akademie, ist sich Amelia sicher, dass sie wohl keine Karriere im naturwissenschaftlichen oder technischen Bereich einschlagen wird – allerdings nicht, weil es Männerberufe seien und sie ja eine Frau, sondern weil sie ihre Interessen und Fähigkeiten woanders sieht: „Jetzt bin ich mir in meiner Berufsentscheidung viel sicherer als vorher. Ich weiß jetzt, dass Technik nichts für mich ist und kann mich ohne Gewissensbisse auf soziale Berufe konzentrieren – so kann ich mir später nicht vorwerfen, es nicht probiert zu haben.“

Mit dieser Aussage bestätigt die Schülerin das Ziel der Sozialpädagogin und Leiterin des BBQ-Institus in Aalen, Ingrid Beuter-Koesling: „Wenn eine Frau sich gegen einen dieser männerdominierten Berufe entscheidet, dann sollte sie es gewissenhaft und selbstbestimmt tun.“ Niemand könne genau wissen, was man mag und was nicht, wenn es davor nicht zumindest ausprobiert würde.

Am Anfang ging’s in den Hochseilgarten

Und ausprobiert wurde so einiges in der Girls’ Day Akademie: Die ersten Treffen der Mädchengruppe fanden in Heidenheim mit einem Erlebnispädagogen statt, um gute Teamarbeit zu ermöglichen und Vertrauen zu erlangen.  Schon nach kurzer Zeit habe sich eine starke Gruppendynamik entwickelt, bestätigt Angelika Leinweber. Auch die Mädchen haben den Erlebnispädagogik-Workshop in guter Erinnerung: „Es hat total viel Spaß gemacht und ich habe mich schnell mit den anderen Mädchen angefreundet. Besonders gut fand ich den Ausflug in den Hochseilgarten, da konnte man seine Grenzen so richtig austesten“, so die 14-jährige Natalie. Auch sie habe sich bei der Girls’ Day Akademie angemeldet, um ihre Perspektiven zu erweitern. Jetzt, nach einem Jahr, kann sie sich gut vorstellen, mal im chemisch-technischen Bereich zu arbeiten.

Metallarbeiter- und Programmierinnen

Viele der Treffen der Girls’ Day Akademie fanden im Voith-Traingscenter statt. Dort beschäftigten sie sich mit Formalien wie das Schreiben einer Bewerbung, lernten Mint-Studiengänge und einige der bei Voith angebotenen Ausbildungsberufe kennen. So konnten die Mädchen zum Beispiel Praxiserfahrung im Beruf der Industriemechanikerin erlangen: Sie machten sich mit der Bearbeitung von Metall vertraut und stellten sogar eigene Schmuckdöschen herstellten. Außerdem versuchten sich die Teilnehmerinnen als Programmierer, testeten eine VR-Brille und benutzten einen Laser-Cutter, um kleine Kunstwerke aus Holz anzufertigen und arbeiteten sogar mit einem 3D-Drucker.

Letzteres gehört zum Beruf der Technischen Produktdesignerin, für den sich die 14-jährige Carolina besonders interessiert. „Ich habe schon ein gewisses Vorinteresse mitgebracht – mein Vater ist Physiker und  meine Stärken liegen genau wie bei ihm schon im naturwissenschaftlichen Bereich. Das Herstellen von technischen Zeichnungen und die Arbeit am 3D-Drucker hat mir aber besonders Spaß gemacht.“ Carolina kann sich nun gut vorstellen, nach der Schule eine Ausbildung zur Technischen Produktdesignerin zu machen. Doch davor wolle sie erst ihr Abitur machen und noch ein Praktikum in diesem Bereich: um wirklich ganz sicher sein zu können, dass es das Richtige für sie ist.

Elektromotoren machen den Girls‘ Day Akademie Abssolventinnen keine Angst mehr. (Foto: Sabrina Balzer)

Erstmal ein Praktikum – und dann, wer weiß?

Neben einzelnen Seminartagen bei Voith, der Dualen Hochschule in Heidenheim und bei der Industrie- und Handelskammer in Ulm unternahmen die Mädchen während ihrem Jahr an der Akademie auch ganztägige Ausflüge: Dabei besuchten sie verschiedene Firmen und Forschungseinrichtungen. Die Mädchen hatten zum Beispiel die Möglichkeit, an einem Elektromotor in der Zukunftsakademie Heidenheim zu basteln. „Das war besonders schwierig“, sagt die 17-jährige Hauptschülerin Hannah. „Es waren einfach zu viele kleine Schrauben und Kabel, aber irgendwann haben wir es dann doch geschafft.“ Hannah will  nach dem Schulabschluss unbedingt ein Praktikum im naturiwssenschaftlichen Bereich machen – und dann, wer weiß, vielleicht auch eine Ausbildung.

Während dem Jahr an der Girls’ Day Akademie haben die zehn Teilnehmerinnen nicht nur in viele Berufe reinschnuppern können, sondern auch gemeinsam als Team vieles erlebt. Besonders eindrucksvoll sei die Exkursion ins Chemielabor in Ellwangen gewesen, meint Natalie. Dort nahmen sie an einem Workshop teil, bei dem sie selbstständig Handcreme und fluoreszierende Bubbles herstellten. Die Formel für essbaren, fluoreszierende Bubbles haben sich die Mädchen gleich gemerkt, denn „das wollen wir unbedingt einmal testen!“

Zum Abschluss gabs ein Zertifikat

Am Montagabend im Voith-Traininscenter ließen die ersten Absolventinnen der Girls’ Day Akademie das vergangene Jahr Revue passieren. Außerdem wurden den Teilnehmerinnen feierlich ihre Abschluss-Zertifikate verliehen – welche später einmal nützlich sein können bei Bewerbungen. Nach einem Jahr voller Projekte, vielen neuen Herausforderungen und spannenden Aufgaben, welche die Mädchen ganz nebenbei zum normalen Schulalltag meisterten, wurde der Abschluss des einjährigen Projektes gemeinsam gefeiert: Es entwickelten sich gute Gespräche bei gutem Essen, die frischgebackenen Absolventinnen zeigten stolz ihre Projekte und gut gefüllten Ordner, in denen das letzte Schuljahr feinsäuberlich dokumentiert wurde und es wurden stolz Gruppenfotos mit dem Zertifikat in der Hand gemacht.

Nachdem es die Girls’ Day Akademie seit einiger Zeit bereits in anderen Städten gibt, wurde es Zeit, sie auch nach Heidenheim zu holen: Eine bessere Möglichkeit, Berufe kennenzulernen und sich zu orientieren bietet sich für junge Frauen sonst kaum während der Schulzeit – und ein einzelner Girls’ Day kann eben nicht mit einer einjährigen Akademie mithalten. Und selbst wenn einige der Absolventinnen nun keinen Beruf im technischen Bereich anstreben wollen, so haben doch alle was gelernt: Dass es sich lohnt, hinter die Fassaden zu blicken, bevor man ein Urteil fällt. Die erste Generation Absolventinnen der Heidenheimer Girls’ Day Akademie hat das auf jeden Fall bewiesen.

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