Helfen und dabei fürs Leben lernen

Studenten haben es leicht. Vielerlei Möglichkeiten gibt es für sie, eine Zeit lang im Ausland zu leben und zu lernen. Steht man erst mal mitten im Arbeitsleben, wird es schwierig, sich eine Auszeit zu nehmen – auch finanziell. Orthopädiemechaniker Max Gräs und Zahntechnikerin Nina Amthor haben mit Unterstützung des Landes Baden-Württemberg einige Zeit im Ausland gearbeitet. Das Baden-Württemberg-Stipendium für Berufstätige unterstützt junge Erwachsene deshalb mit 1000 Euro monatlich. Neben passablen Zeugnissen sollten die Männer und Frauen auch neugierig und selbstbewusst sein und Lust haben, sich unbekannten Herausforderungen zu stellen. Im vergangenen Jahr wurden gleich zwei Fachkräfte aus dem Landkreis Heidenheim für dieses Programm ausgewählt.

Nina Amthors Arbeitseinsatz in Ecuador begann mit einem Ereignis, das richtungsweisend war für die zwei kommenden Monate. Der Bankautomat am Flughafen verschluckte ihre Geldkarte. Im Spanisch-Sprachkurs zur Vorbereitung war sie für diesen Sonderfall natürlich nicht mit Fachbegriffen ausgestattet worden. Und so blieb ihr nur eines übrig: sich durchkämpfen. „Die größte Herausforderung in der Klinik, in der ich dann Zahnprothesen hergestellt habe, war eigenverantwortliches Arbeiten. Es gab keinen Chef, der sagte, wie alles zu laufen hat.“ Überrascht war sie von dieser Arbeitsweise nicht. Im Internet hatte sie sich vorab über Land und Leute informiert und fand entsprechende Verhältnisse vor. Aber dass beispielsweise Menschen nach einer großen Operation schnellstmöglich aus dem Krankenhaus entlassen wurden, ohne Anschlusspflege oder finanzielle Unterstützung, stimmte die 26-Jährige nachdenklich: „Wer keine Familie oder gute Freunde hat, die sich kümmern, bleibt sich selbst überlassen.“

Ich wollte meinen Horizont erweitern.

Max Gräs, Orthopädiemechaniker

Glücklicher als in Deutschland, findet Max Gräs, sind die Menschen in Uganda. „Ihr Lebenswille ist faszinierend. Sie machen aus dem Wenigen, was sie haben, ganz viel. Aufgeben kommt nicht in Frage. Trotz allem.“ Der junge Mann aus Gerstetten weiß, wovon er spricht. Neun Monate lang hat er in einer ugandischen Weiterbildungsstätte für Orthopädiemechaniker gearbeitet, hat dort eine Werkstatt mit aufgebaut und Kollegen vor Ort eingewiesen in die hohe Kunst, Unterschenkelprothesen anzufertigen. Auch er freute sich an dem breiten Aufgabengebiet mangels Vorgesetzten: „Wenn kein Arzt in der Nähe ist, muss man selbst Diagnosen stellen und Entscheidungen treffen. Dabei habe ich unwahrscheinlich viel gelernt.“ Viel Leid hat er dort natürlich auch miterlebt und viele Tränen. Dass darunter so manche Freudenträne war, wird ihm für immer in Erinnerung bleiben: „Da gab es Kinder, die mit Beinstümpfen geboren worden waren und nie laufen gelernt hatten. Mit dabei zu sein, wie sie aufstehen und mit Hilfe der Prothesen die ersten Schritte überhaupt in ihrem Leben tun, das war überwältigend.“

Max Gräs war nur durch Zufall auf das Baden-Württemberg-Stipendium aufmerksam geworden. Nach seiner Ausbildung in Ulm hatte er sich gegen ein zusätzliches Studium entschieden. Er wollte praktische Erfahrungen sammeln. Doch nach zweieinhalb Jahren in einem Sanitätshaus kam mit der Routine auch der Frust. Strenge Hierarchien in Handwerksbetrieben, ärztliche Diagnosen und die Vorgaben von Krankenkassen begrenzten das eigene Tun. „Ich habe deshalb im Internet nach einer Möglichkeit gesucht, beruflich und auch persönlich meinen Horizont zu erweitern. Eigentlich wollte ich nach Island oder Norwegen.“ Dass es am Ende Uganda geworden ist, reut den 30-Jährigen nicht. Viele neue Eindrücke in allen Bereichen des Lebens hat er mitgebracht aus dem afrikanischen Entwicklungsland, viel Wissen, was die Orthopädietechnik angeht, hat er dort gelassen. Bis heute besteht Kontakt zu Wegbegleitern aus dieser Zeit: „Sobald ich es einrichten kann, werde ich mich wieder in Uganda engagieren, und sei es nur für zwei Wochen.“

Ich kann eine Bewerbung nur empfehlen.

Nina Amthor, Zahntechnikerin

Nina Amthor hat ähnliche Pläne. Nach Ende der Meisterschule hofft sie auf die erneute Zuteilung eines Stipendiums. Ihr Interesse gilt nach wie vor Südamerika. Während ihrer Zeit in Ecuador hatte sie Gelegenheit gehabt, ein paar Tage durch Peru zu reisen, das könnte sie sich als nächstes Ziel gut vorstellen. Oder Skandinavien, in der Ecke war sie noch nie. An welchen Ort auf der Welt sie das Stipendium führen wird, ist für sie jedoch zweitrangig: „Wenn man sich drauf einlässt, wird man überall wertvolle Erfahrungen sammeln. Ich kann jungen Leuten nur empfehlen, sich für ein Baden-Württemberg-Stipendium zu bewerben.“

Info: Hier kann man sich bewerben

Das Baden-Württemberg-Stipendium für Berufstätige läuft bei Praktika zwei bis sechs Monate, bei beruflichen Weiterbildungsmaßnahmen bis zu elf Monate. Stipendiaten werden mit monatlich 1000 Euro für Reisekosten, Unterkunft und Verpflegung unterstützt, für vorbereitende Sprachkurse gibt es bis zu 500 Euro Zuschuss. Die Organisation des Auslandsaufenthaltes liegt in der Verantwortung der Stipendiaten. Ein ähnliches Angebot gibt es für Studenten. Informationen und Bewerbung unter www.bw-stipendium.de.

Das neueste aus der Rubrik Lifestyle