Hopst und hat Erfolg

Als Buch sind die „Känguru“-Chroniken von Marc-Uwe Kling sicherlich ein Brüller. Ob der Roman auch als Theaterstück funktioniert, darüber darf man geteilter Meinung sein. Es mag ein gewisser Unterschied sein, ob sich ein sprechendes und schnapspralinenfressendes, postkommunistisches Känguru in der Phantasie des Lesers entfaltet oder im silbern glitzernden Kostüm tatsächlich über die Bühne hopst. Der Autor selbst hatte diesbezüglich indes keine Bedenken und stellte die Theateradaption seiner Trilogie sinnigerweise gleich selbst her.

Diese griff unter anderen die Burghofbühne Dinslaken auf und machte damit am Mittwochabend in der Heidenheimer Waldorfschule Station.Das Publikum im mit 650 Besuchern voll besetzten Saal war von Beginn an begeistert und blieb es bis zum Schluss. Niemand verließ vorzeitig den Saal. Woran mag es gelegen haben?

Die Känguru-Kenner wurden vermutlich von vielen liebgewordenen Details auf Trab gehalten. Die Hängematte, in der sich das vorlaute Beuteltier räkelt, die muffelige Zweizimmerwohnung von Kleinkünstler Marc-Uwe, die Eckkneipe „Bei Herta“ und die schrägen Figuren, die sich Szene für Szene entwickeln, von der neurotischen Psychoanalytikerin, über die Angestellte des Ministeriums für Produktivität bis hin zur armhochreißenden und das r rollende Neonazissin.

Die Neueinsteiger in Sachen Känguru werden unter Umständen dem knallig-bunten Szenenreigen einen tieferen Sinn abgewonnen, oder gar so etwas wie einen leichten Anflug von Dramaturgie erkannt haben können. Am schwersten im Stück hat es Darsteller Markus Penne, denn ihm sind alle Rollen in Personalunion aufgetragen, während Kleinkünstler (Patric Welzbacher) Kleinkünstler, Känguru (richtig süß: Julia Sylvester) Känguru und Musiker (Jan Exner) Musiker bleiben dürfen. Fest steht, dass Mirko Schombert eine knallbunte und fröhlich-poppige Inszenierung hinlegt.

Dass manch einer in Stoff und Inszenierung bereits so etwas wie eine geistreiche Sozialkritik von links ausgemacht haben möchte, kann jedenfalls weder dem Autor noch dem Regisseur zur Last gelegt werden.Das Stück arbeitet aber gewiss mit linken Reminiszenzen und Staffagen, mit inzwischen liebgewonnenen Folklorestückchen wie den Ho-Ho-Ho-Chi-Minh-Rufern, die roten Strick- und Krabbelgruppen, den Sozi-Vaterlandsverrätern, bis hin zu den ganz, ganz linken Nazidefinitivnichtgutfindern von heute.Die Zwischengeschichte – RAF und das böse Kapital in Gestalt von Hans-Martin-Schleyer – wird ein bisschen ausgelassen, wohl weil es nicht ganz so lustig kommt.

Trotzdem gibt es natürlich noch genügend andere Nazis, Kriegstreiber und Spekulanten, die im Stück ihr Fett wegbekommen. Und ewig hopst und boxt manchmal sogar das Känguru. Das ist sicherlich alles sehr, sehr lustig und kostet auch nicht viel, außer am Ende ein bisschen rasenden Applaus.

Von Holger Scheerer

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