Kaya Yanar im Interview

Sie haben unter anderem auch Phonetik studiert – ist das Ihr Geheimnis, weshalb Sie den indischen Akzent so gut beherrschen?

Ich glaube, das Studium hat dabei nicht so viel geholfen, es war eher theoretisch und trocken. Sondern mehr die Faszination an verschiedenen Akzenten, Dialekten und Sprachen. Ich liebe es einfach, wenn die Perfektion der deutschen Sprache gebrochen ist. Das kommt von meinen türkischen Eltern, die nur gebrochen deutsch sprechen. Damit bin ich aufgewachsen, und das hat mich schon immer fasziniert, darum habe ich versucht, es zu imitieren.

Schreiben Sie ihre Gags und Sketche selbst?

Für die Bühne auf jeden Fall, ja. Ich finde das wichtig, weil die Bühnenshow eines Stand-up-Comedians authentisch sein sollte. Ich erzähle ja aus meinem Leben, da wäre es blöd, wenn ich jemand anderen etwas schreiben lassen würde, was ich nur darstelle. Und es gibt noch einen weiteren Grund: Die Kreativität verkümmert, wenn man nicht selbst regelmäßig kreativ ist. Man muss sie fördern und pflegen. Bei meiner Fernsehshow habe ich jedoch ein Team von fünf Autoren, mit denen ich zusammenarbeite.

Ihre Witze basieren häufig auf Vorurteilen und Stereotypen. Finden Sie sich selbst lustig?

Ja, ich bemühe mich doch sehr darum. Wenn man überlegt, dass ich nun knapp 15 Jahre in der Comedy-Branche tätig bin, habe ich doch einige Wandlungen durchlebt. Angefangen habe ich mit einfachen Türkenwitzen. Dann ging es weiter mit der Fernsehshow „Was guckst Du?!“, zuerst mit den Charakteren Ranjid und Francesco, dann habe ich den Figurenpark erweitert. Jetzt bin ich gerade in einer Phase, wo ich als Stand-up-Comedian eine Art lustigen Reiseführer verkörpere. Auf meiner „Around the World“-Tour erzähle ich von den Erlebnissen meiner Reisen der vergangenen zwei, drei Jahre – zusammengepresst auf zwei Stunden. Und im Fernsehen mache ich sozusagen einen lustigen Wochenrückblick. Man muss sich immer wieder etwas Neues einfallen lassen. Gerade, wenn man mal mit einer Nummer erfolgreich war, weiß man: Das kann nicht ewig so gehen. Und das ist wiederum gut, weil dann die Kreativität gefordert ist.

Mit Bülent Ceylan gibt es seit ein paar Jahren noch einen erfolgreichen Deutsch-Türken in der Comedy-Landschaft der Bundesrepublik. Warum kommt das Klischee vom aggressiven türkischen Proll, mit dem Sie beide ja spielen, so gut beim Publikum an?

Ich denke, dass es diese Typen jahrelang unkommentiert gab. Bei dreieinhalb Millionen Türken in Deutschland sind eben auch ein paar Prolls mit dabei. Und es galt immer als politisch unkorrekt, wenn man sich über die echauffierte. Und da kam vor 15 Jahren eben selbst ein Türke, der sich hingestellt hat und den Typus parodiert hat – da war meine Figur Hakan geboren. Nun konnten alle auflachen, ohne gleich als Rassist oder Ausländerfeind beschimpft zu werden – es handelte sich schließlich um Selbstironie.

Wie kam es dazu, dass Sie so viel gereist sind? Haben Sie eine Auszeit gebraucht?

Wenn man als Kind zwischen zwei Kulturen aufgewachsen ist, interessiert man sich konsequenterweise auch für mehr Kulturen als nur für die deutsche und türkische. Daher kam schon im Kindesalter eine Neugierde in mir auf, wie es wohl bei anderen Familien und Kulturen zugeht. Sobald ich die Möglichkeit, sprich das Geld zum Reisen hatte, habe ich die Gelegenheit auch sofort genutzt. Das private Interesse vermischt sich jetzt mit meinem beruflichen. In erster Linie verreise ich gerne privat. Wenn ich weiß, dass ich drei Wochen in Singapur unterwegs bin, kann man ja dort auch einen Auftritt organisieren, was wir auch gemacht haben. Meist spreche ich auf ausländischen Bühnen, wie in Kuala Lumpur oder Jakarta, Englisch, in Hongkong jedoch habe ich auf der Bühne Deutsch gesprochen.

Das klingt nach Nischenpublikum. Konnten Sie dort überhaupt eine Halle füllen?

Es kamen knapp 500 Zuschauer. Wir haben gar nicht mit solch einem Ansturm gerechnet. Aber es leben einige Tausend Deutsche in Hongkong. Innerhalb von einem Tag waren die Tickets ausverkauft, weil es einen wahnsinnigen Bedarf an deutscher Comedy im Ausland gibt. Vor allem in Großstädten, wo viele Deutsche leben und arbeiten.

Wie kam Ihre Ranjid-Nummer, bei der Sie einen Inder parodieren, in Indien an?

Indien habe ich noch nicht gespielt (lacht). Aber man kann sagen, dass die indischen Nummern in Südostasien am besten geklappt haben, weil das einfach eine bekannte Schnittmenge ist. Holländer-Gags ziehen dort natürlich weniger, aber die Inder sind weltweit ein riesiger Lacher. Dieses Klischee ist einfach mitunter das witzigste der Welt.

Werden Sie im Ausland eher als Deutscher oder als Türke wahrgenommen?

Genau wie im Inland als Deutsch-Türke, als Hybrid-Mensch. Ich sehe ja gar nicht deutsch aus, weshalb ich keine typisch deutsche Comedy machen könnte, wie beispielsweise Michael Mittermeier. Deshalb konzentriere ich mich eher auf einen kosmopolitischen Humor. Und so werde ich auch wahrgenommen: Man kann nicht wirklich abschätzen, zu welcher Kultur ich gehöre, und das ist ein großer Vorteil für mich.

Was war das schönste Ziel Ihrer Weltreise?

Neuseeland. Von Kopf bis Fuß. Für mich, der Landschaften mag und nicht unbedingt Städtetrips bevorzugt, war es ein tolles Erlebnis, die Inseln einen Monat lang zu erkunden.

Im September geht Ihre Reise ja nach Heidenheim. Erinnern Sie sich noch an ihren ersten Aufenthalt dort, im Jahr 2012, als Sie Ihren Film vorgestellt haben?

Nee, da muss ich ehrlich gesagt passen. Diese Kino-Touren sind brutal – sieben Kinos an einem Tag. Das habe ich nicht mehr auf dem Schirm.

Wie würden Sie denn den klassischen Schwaben von der Ostalb spielen, wenn er eine Ihrer Figuren wäre?

Ich glaube, gar nicht so gut oder präzise. Ich traue mich nur an Figuren heran, die ich lange studiert habe. Und so gut es mit ausländischen Akzenten klappt, so schlecht bin ich mit deutschen Dialekten. Ich wurde schon mehrmals angesprochen: „Erfinde doch mal ein paar deutsche Figuren“. Aber irgendwie fehlt mir dazu das Talent, das ist wie mein Kryptonit (fiktives Mineral, das den Comic-Helden Superman schwächt, Anm. d. Red.). Deutsche Dialekte kriege ich nicht auf die Kette. Mir wurden nur die Exoten in die Wiege gelegt.

Welche Figuren werden die Heidenheimer bei Ihrem Auftritt erleben können?

Die Klassiker Hakan, Francesco und Ranjid sind auf jeden Fall mit dabei, aber ich spiele auch eine neue indische Figur, einen Chinesen und auch Tiere: einen kanadischen Bären zum Beispiel. Dann tauchen noch ein Schweizer, ein Franzose und ein Amerikaner auf. Aber nicht als feste Figuren. Sondern ich baue sie in meine authentischen Geschichten mit ein. Wie dieser Typ aus den USA, mit dem ich mich fast geprügelt hätte – den spiele ich dann.

Sie hätten sich fast mit einem Amerikaner geprügelt?

Oh ja. New Yorker sind sehr neurotisch und aggressiv. Zu Weihnachten waren wir im Kaufhaus Macy’s shoppen und kamen nur millimeterweise vorwärts. Da verlor einer die Nerven. Er hat meine Freundin durch die Drehtür gedrückt, da habe ich mich umgedreht und ihn ein bisschen beleidigt. So haben wir uns beinahe geprügelt.

Und wie spielen Sie den Bären? Der kann ja nicht sprechen.

Doch der spricht. Das ist ja das Lustige. Es gibt ja die Regel, die einem kanadische Ranger lehren: Wenn ein aggressiver Bär vor einem steht und droht, einen zu zerreißen, muss man mit ihm reden. Und dann fange ich an, auf eine Comedy-Art zu überlegen: Was kann man einem Bär eigentlich sagen, damit er einen nicht frisst? Und dann sage ich: „Ich bin der Kaya, ich komme aus Deutschland, meine Eltern sind aber Türken.“ Und dann sagt der Bär einfach: „Mmh, lecker, Döner.“

Klischees können ja auch verletzend sein. Hören Sie oft Beschwerden von Ausländern, die sich auf den Schlips getreten fühlen?

Nein, überhaupt nicht. Man kennt mich seit 15 Jahren in Deutschland und weiß, dass ich mich an Stereotypen bediene. Und es gibt positive und negative Stereotypen. Der Inder ist ja nur positiv besetzt, der liebt Musik, ist fröhlich, singt. Mit diesen Eigenschaften kann man ja spielen. Mit negativen kann man auch spielen und diese entkräften. Beispielsweise mit dem Vorurteil, dass Leute, die aus dem Nahen Osten kommen, Bombenleger werden. Wir wissen, dass das nicht stimmt, und damit kann man spielen. Im besten Fall lösen sich Klischees so in Luft auf, und das ist, was gute Comedy im Idealfall bewirken kann. Und ich hoffe, dass ich gute Comedy mache.

Ihr indischer Charakter Ranjid kommt aber nicht nur fröhlich, sondern auch dümmlich, naiv und weltfremd rüber . . .

Das ist aber allein die Figur, die ihren eigenen Charakter hat. Im Stand-up-Programm erzähle ich jedoch von meinen Reisen nach Indien und authentischen Erlebnissen. Ich spreche darüber, was das Kopfwackeln bedeutet; wie es ist, auf einer Straße ohne Verkehrsregeln zu fahren, wenn 600 Inder auf eine Kreuzung zurasen, aber alle überleben. Ranjid hingegen ist eine indische Figur, die ich kreiert habe. Aber ich habe entschieden, dass Ranjid etwas naiv, kindlich und dümmlich rüber kommt, das hat nichts damit zu tun, dass ich sage, alle Inder wären so.

Sie sprachen vorhin von Ihrer Freundin. Sie waren ja lange auf der Suche nach einer Partnerin, auch im Fernsehen. Ist sie auch aus der Comedy-Branche, wie Ihre Ex-Freundin Mirja Boes?

Nein, mit der hat sie nichts zu tun. Ich habe die Phase hinter mir, zu denken, dass es mit einer Freundin aus der Branche einfacher ist.

Kann Ihre Freundin über Sie lachen?

Ja.Humor ist für mich nach wie vor sehr wichtig in einer Beziehung.

Haben Sie momentan besondere Pläne?

Ich reise nach wie vor sehr gerne. Vielleicht schaffe ich auch mal wieder ein Kinoprojekt. Das Spannendste für mich sind die Auftritte in englischer Sprache, das macht einfach Spaß. Aber ich verfolge kein großes Ziel. Ich übe meinen Beruf aus, weil ich ihn liebe und nicht, um irgendwelche Karriere-Resultate zu erzielen.

Das neueste aus der Rubrik Lifestyle