(K)ein Küken im Gemeinderat

Was Leonie Gröschl am Herzen liegt: Familie und Freunde, Sport, Naturschutz. Und ihr Zuhause: Giengen. Weil ihr das so wichtig ist, will die 24-Jährige nicht nur dabei zusehen, wie sich die Stadt verändert, sondern aktiv daran mitwirken: Als Stadträtin. Seit einem halben Jahr sitzt Leonie Gröschl für die Fraktion der Unabhängigen / Grünen im Gemeinderat und schlägt sich regelmäßig die Donnerstagabende mit Themen wie Finanzen, Straßenbau und Haushaltsplanung um die Ohren.

Warum sie das macht? „Das ist meine Art eines Zugeständnisses an meine Heimat“, sagt die 24-Jährige. Für ihr Studium der Politikwissenschaft und Soziologie ist sie aus Giengen weggezogen:  Die Erfahrung, in anderen Städten zu leben, war ihr dabei wichtig. Aber nicht auf Dauer. „Mir war immer klar, dass ich wieder zurück möchte. Giengen ist einfach mein Zuhause“, sagt Leonie. Hier ist sie aufgewachsen, ihre Freunde und die ganze Familie leben hier und seit Februar 2019 ist auch Leonie Gröschl wieder eine richtige Giengenerin, wohnt und lebt in der Großen Kreisstadt an der Brenz. Ihre Masterarbeit hat sie zwar noch nicht ganz abgeschlossen, doch fertigschreiben kann sie die auch von zu Hause aus.

Was kann schon passieren?

Die Entscheidung, aus der großen Stadt wieder zurück ins doch eher beschauliche Giengen zu ziehen, hat sie ganz bewusst getroffen. „Und deswegen möchte ich die nächsten Jahre auch etwas für meine Stadt tun“, sagt sie. „Die Idee, als Stadträtin zu kandidieren, kam dabei allerdings ursprünglich von meinem Papa.“  Der habe gemeint, dass der Gemeinderat für sie doch eigentlich genau das richtige wäre. Politisch interessiert sei sie schließlich – klar, nicht umsonst hat sich Leonie für ein Studium der Politikwissenschaften entschieden – und immerhin wollte sie sich ohnehin für die Stadt und die Menschen einbringen. Warum also nicht etwas wagen?

„Ich habe mir das natürlich gut überlegt“, meint Leonie. Denn mit Kommunalpolitik habe sie zuvor eigentlich nie etwas am Hut gehabt – viel mehr sei sie an der großen Politik auf Landes- und Bundesebene interessiert gewesen. Und überhaupt, selbst politisch aktiv zu werden, das habe nie auf ihrer Agenda gestanden.  Aber die Tatsache, dass sie sich als Stadträtin ehrenamtlich engagieren und gleichzeitig direkt vor Ort auf politischer Ebene etwas bewegen könne, sei dann überzeugend gewesen. „Allerdings muss einem auch klar sein, dass der Job ziemlich zeitintensiv ist“, sagt Leonie. Etwa ein Mal im Monat trifft sich das volle Gremium im Ratssaal – und nicht selten dauern die Debatten mehr als nur ein paar Stunden. Von 17 bis nach 22 Uhr habe die längste Sitzung gedauert, an der Leonie bisher teilgenommen hat: „Aber es hat wohl auch schon mal Tage gegeben, an denen es noch länger ging.“

Nicht nur die Sitzungen des Gemeinderats sind zeitintensiv. Dazu kommen die Ausschusstagungen, die Fraktionssitzungen und nicht zu vergessen: Die Vorbereitungszeit. Vor den Treffen bekommen die Mitglieder des Gemeinderats die Sitzungsunterlagen zugestellt – „und je nachdem um was geht, brauche ich eine Weile, um mich einzuarbeiten.“ Mit Themen wie der Erschließung neuer Bauplätze, Vorgaben für Gewerbegebiete oder auch der Haushaltsplanung für 2020 hatte Leonie zuvor eigentlich keine Berührungspunkte – gar nicht so einfach also, sich dazu eine eigene Meinung zu bilden und einen festen Standpunkt zu vertreten.

Auch die Jugend muss gehört werden

Dazu kommt: Mit 24 ist Leonie quasi das Küken im Giengener Gemeinderat. Mit einer Differenz von mindestens zehn Jahren ist sie die mit Abstand jüngste Stadträtin – und das wohl nicht nur in Giengen, sondern auch im ganzen Kreis Heidenheim. Ein Nachteil? Findet Leonie nicht. Klar, am Anfang hätte sie nicht gedacht, dass sie bereits von Beginn an selbst Anfragen stellen würde. Doch mittlerweile: kein Problem. Die Erfahrung, aufgrund ihres Alters nicht ernstgenommen zu werden, hat sie nicht gemacht. Ganz im Gegenteil: Sowohl aus dem Gemeinderat als auch von Freunden und Familien habe es nur positive Rückmeldungen gegeben. Und schließlich vertritt der Gemeinderat alle Altersgruppen: „Es schadet sicher nicht, wenn diese auch alle im Gremium repräsentiert werden.“

Das ist aber noch nicht alles: „Ich fände es schön, wenn durch mich auch jüngere Leute merken, dass nicht einfach über ihre Köpfe hinweg für sie entschieden wird – sondern dass sie mitbestimmen können.“ Den neuen Ansatz der Stadt, die Jugend mit Pizza und Politik ins Rathaus zu bekommen, findet sie schon mal nicht schlecht. Wichtig ist aber auch, was danach kommt: „Die Ideen dürfen nicht einfach in irgendeiner Schublade verschwinden, sondern müssen umgesetzt werden.“

Was ihr sonst noch am Herzen liegt, ist der Natur- und Umweltschutz. Deswegen war für Leonie auch schnell klar, für welche Fraktion sie kandidieren würde: Die Unabhängigen/Grünen. Mit deren Zielen kann sie sich identifizieren – trotzdem ist sie bisher in keiner Partei: „Ich möchte lieber unabhängig bleiben. Und auf kommunaler Ebene spielen Parteien ohnehin nicht so eine große Rolle“, sagt die Giengenerin. Ihr ist wichtig, dass wirtschaftliche Interessen nicht immer an erster Stelle stehen. „Aber man wird auch realistischer und merkt, das ist ein zweischneidiges Schwert. Für eine Stadt wie Giengen ist es eben auch wichtig, zum Beispiel Platz für ein neues Industriegebiet zu schaffen.“ Da gelte es eben, Kompromisse zu finden.

Ob sie bei der nächsten Wahl nochmal antritt oder wie es mit ihrer politischen Karriere weitergehen soll – das steht noch in den Sternen. Schließlich ist sie noch im ersten Jahr als Stadträtin, die nächsten Kommunalwahlen sind erst 2024. „Im Moment würde ich sagen, klar, ich bin wieder dabei“, meint Leonie. „Aber eigentlich ist es ja gar nicht meine Entscheidung: Man muss schließlich gewählt werden.“

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