Von Bluffs und Psychologie

Donnerstagabend, Schnaitheim. In der Fabrikstraße steht die alte Zigarrenfabrik. Das große Gebäude verrät von außen kaum, dass sich im Inneren regelmäßig alles um Ass, König, Dame und Co. dreht: In einem der oberen Stockwerke macht Enrico Macias Romero die Tür auf. „Willkommen beim Heidenheimer Pokerclub.“

Der 27-Jährige Enrico hat den HPC vor fünf Jahren gemeinsam mit Tarik Varol gegründet. „Wir haben damals im ‚Römerstüble‘ in der Oststadt angefangen“, erinnert sich Enrico. Am Anfang sei es einfach eine regelmäßige Runde von Freunden gewesen, die sich dort zum Pokern verabredeten. Nach einiger Zeit habe man sich dann dazu entschlossen, einen eigenen Verein zu gründen.

Zwei Jahre lang blieb es auch nach der Gründung beim Treff im „Römerstüble“. Dann mieteten sich die beiden Heidenheimer mit ihrem jungen Verein in einem Haus in Mergelstetten ein, wo man ebenfalls etwa zwei Jahre lang untergebracht war. Vor rund einem Jahr schließlich fand der HPC in der alten Zigarrenfabrik in Schnaitheim seine aktuelle Heimat.

Der Club befindet sich in einem der oberen Stockwerke. Hinter der stählernen Eingangstür befindet sich zunächst ein Lounge-Bereich mit Bar, auch zwei Spielautomaten stehen dort. Im hinteren Bereich stehen die Pokertische. Drei Stück sind es, die bunten Plastikchips, mit denen die Einsätze markiert werden, liegen schon bereit. Die Fenster sind umrahmt von scharlachroten Vorhängen, auf denen das HPC-Logo zu sehen ist.

Stetiges Wachstum seit dem „Römerstüble“

Seit den Tagen im „Römerstüble“ ist der Pokerclub stetig gewachsen, wie die beiden Vorsitzenden berichten. „Wir sind eigentlich bei jedem Umzug größer geworden“, erzählt Enrico. Waren es damals in der Oststadt kaum zehn Leute, die gemeinsam spielten, komme der Verein heute auf über 30 aktive Mitglieder. Rund zweimal die Woche treffen sich die Mitglieder zum „Zocken“ beim HPC, immer donnerstags und samstags. „Wir haben ziemlich aktive Mitglieder, im Normalfall sind wir immer über 30 Leute“, so Enrico. „Die Leute freuen sich schon am Beginn der Woche auf den Donnerstag.“ Jetzt, im Sommer, sei es allerdings ein bisschen ruhiger, die Leute hätten wenig Lust, bei den heißen Temperaturen drinnen zu sitzen und stundenlang zu pokern. „Aber wir unternehmen als Verein auch sonst viel zusammen, machen Grillabende oder gemeinsame Ausflüge“, erzählt Tarik. „Wir sind wie eine kleine Familie, alle sind dabei.“

Bei den Vereinsturnieren wird meistens Texas Hold’em gespielt, eine der weltweit häufigsten Varianten des Pokerspiels. Gespielt wird zudem nicht um Geld, sondern um Punkte. Im Lauf des Jahres wird eine Bestenliste geführt, und die zehn besten Mitglieder spielen am Saisonende um die Vereinsmeisterschaft. Neben den regelmäßigen Turnieren gibt es jedoch auch immer wieder besondere Wettbewerbe, bei denen zum Teil die Sponsoren des Vereins Preise stiften.

Unter den Mitgliedern seien rund 90 Prozent männlich, so Enrico. Das könne und solle sich jedoch mit der Zeit ändern. Aber bei Weitem nicht nur bei Frauen merke man oft, dass Pokern und Pokerspieler mit gewissen Vorurteilen behaftet seien. „Das Pokern ist eben einfach noch nicht so ganz in der Gesellschaft angekommen“, findet Tarik. Die Leute würden beim Pokern immer gleich an Glücksspiel, Sucht und finanziellen Ruin denken. „Im besten Fall kommt dann vielleicht noch James Bond“, lacht der 37-Jährige.

Psychologie und Mathematik

Dabei habe Pokern in Wahrheit nur sehr wenig mit Glück zu tun. „Zwei Dinge sind sehr wichtig, Psychologie und Mathematik“, erklärt er. Man müsse einerseits in der Lage sein, Wahrscheinlichkeiten für bestimmte Karten und Hände mitzurechnen. Nur so könne man die Risiken richtig einschätzen, die man beim Spielen eingehe. Natürlich gehöre am Ende auch ein klein wenig Glück dazu. Doch der psychologische Aspekt des Spiels sei mindestens ebenso wichtig. „Wenn wir pokern, versuchen wir ständig, die anderen aus der Reserve zu locken“, verrät Enrico. So könne man versuchen, seine Mitspieler durch flapsige Kommentare dazu zu bringen, eine Hand mitzugehen. „Wenn man den Leuten sagt, dass sie zum Beispiel zu viel Angst haben, um jetzt noch mit zu gehen, dann geht das nicht an allen spurlos vorbei.“ Das sei aber alles so gewollt und von allen akzeptiert. „Solange du noch im Spiel bist, ist alles erlaubt. Außer Beschimpfungen und Gewalt, natürlich.“ Nicht toleriert werde hingegen, wenn Zuschauer oder Spieler, die bereits ausgeschieden sind, mit Bemerkungen oder Ähnlichem in die Runde eingreifen würden. Gleiches gelte im Übrigen natürlich auch für Falschspieler. „Die fliegen raus.“

Um den psychologischen Druck der Mitspieler ein wenig zu mindern, sitzen viele Pokerspieler mit Kopfhörern am Tisch, was auch vollkommen regelkonform sei. Genau wie das Tragen einer Sonnenbrille, die das richtige „Pokerface“ ermöglichen soll, seien solche Hilfsmittel gang und gäbe, so Enrico. Wenn man bei längeren Pokerrunden zudem mit seinen Kopfhörern Musik höre, helfen diese gegen Langeweile. Und die dürfe nicht aufkommen, denn wer gelangweilt ist, geht höhere und vor allem unnötige Risiken ein.

Den beiden Vereinsgründern merkt man die Begeisterung für das Pokerspiel an. „Pokern ist Leidenschaft“, bringt es Enrico auf den Punkt. Wenn beispielsweise ein Bluff erfolgreich ist, und man sich so durch reine Psychologie durchsetzen kann, „da geht mir das Herz auf“, lacht Enrico. Dennoch sei nach dem Spiel nie jemand nachhaltig beleidigt oder gar verletzt. „Hier entstehen Freundschaften, der Zusammenhalt ist sehr groß“, erklärt Tarik. Trotz des Anspruchs, gut Poker zu spielen, ist Enrico und Tarik außerdem sehr wichtig, dass auch Neulinge immer willkommen sind. „Man kann jederzeit bei uns vorbeischauen und ein, zwei Mal reinschnuppern.“ Anfängern wird immer geholfen und Aspekte des Spiels werden erklärt. Einzige Voraussetzung: Man muss mindestens 18 Jahre alt sein.

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