Rock am Härtsfeldsee: Die Party geht weiter

Die Party geht also auch in diesem Jahr weiter, mit namhaften Bands wie „In Extremo“ und den „Apokalyptischen Reitern“, mit Mega-Zeltplatz, dutzenden freiwilligen Helfern und großem Reinemachen rund um den See. Holger Mack und Martin Wagner gehören von Beginn an zum harten Kern des Organisationsteams. Im Interview sprechen sie über ihre „RaH“-Familie, über die Allüren von Newcomern und die Grenzen, die der Veranstaltungsort dem Festival setzt.

Zum zweiten Rock am Härtsfeldsee im Jahr 1998 gleich ein Knaller: Die Band EAV, die damals mit ihrem Lied „Drei weiße Tauben“ Erfolge feierte, sollte das Festzelt füllen. Doch an dem Abend kamen viel weniger Gäste als erwartet und, aus finanzieller Sicht, nötig. Stand zur Debatte, das Festival, eben erst aus der Taufe gehoben, umgehend zu begraben?

Martin Wagner: Wir haben damals Geld von der Bank geholt und mit unserem Privatvermögen gehaftet. Es war eine ganz enge Geschichte, weil EAV nur 1500 Leute sehen wollten, 2000 hätten wir gebraucht. Zum Glück kamen am ersten Abend 3000 Besucher, es spielte eine Coverband, die bei den Jungen bekannt war. Das hat uns gerettet.

Seit 2003 werden keine Coverbands mehr engagiert. War die Ausrichtung auf brettharten Rock eine Gemeinschaftsentscheidung?

Holger Mack: Es macht Sinn, Dinge immer wieder zu hinterfragen. RaH sollte nicht ein Festival unter vielen sein. Also haben wir nach einem Alleinstellungsmerkmal gesucht. Die Bandauswahl wurde spezieller, und so, wie es nun ist, gefällt es uns ganz gut.

Nächste Änderung im Jahr 2005: Nur noch zwei statt drei Tage Programm.

Wagner: Die Entscheidung war eindeutig unserem Alter geschuldet. Irgendwann merkten wir, dass unsere Kondition nicht mehr reicht für drei Tage fast ohne Schlaf. Also haben wir auf zwei Tage mit jeweils sechs Bands reduziert, wir finden, das ist genug.

Wie seine Gründer, ist auch RaH erwachsen geworden. Es gibt Einlass-Bändel, Security, einen Zeltplatz. Hätten Sie sich in der Anfangszeit träumen lassen, dass aus einer Feld-Wald-Wiesen-Party mal ein professionelles Festival wird?

Mack: Das ist doch das Ziel, wenn man sowas aufzieht, oder? Die letzten 20 Jahre waren eine Herausforderung und viel Arbeit, missen möchte ich sie trotzdem nicht. Organisieren, gestalten, die Entwicklung beobachten, das macht nach wie vor Spaß. Unmöglich wäre, immer noch alles von Hand zu machen wie in den Anfangsjahren. Die drei Kilometer Bauzaun haben wir Stück für Stück abgeladen und übers Gelände geschleppt. Heute macht das ein großer Stapler.

Wagner: Wir sind in vielen Bereichen am Limit. Der Campingplatz bestand früher aus einem schmalen Wiesenstreifen, heute mieten wir zwei Wiesen mit fast sechs Hektar Fläche für 3000 Übernachtungsgäste an. Im Zelt ist kein Platz für noch mehr Besucher, und auf dem Festival-Gelände ist kein Platz für weitere Band-Trucks. Die Musiker reisen teils mit zwei 40-Tonnern an. Für die musst du erst mal einen Parkplatz finden. Zusätzlich zum harten Kern mit etwa 45 Leuten arbeiten bei RaH 100 Ehrenamtliche mit, dazu engagieren wir 100 bezahlte Kräfte wie Feuerwehr, Techniker, Sanitäter und Security.

Bei RaH wird auch abseits der Bühne gefeiert: zum Beispiel am See!

Erfolg schreit eigentlich nach Expansion. Aber dann gibt es wohl keine Überlegungen in diese Richtung?

Wagner: Nein. Erstens, weil das nicht leistbar ist im Ehrenamt. Und zweitens, weil sich alles so schön eingegrooved hat. Kartenvorverkauf, Getränkeausschank, Merchandising: alles läuft, sich zu vergrößern, das hat keine Not.

Mack: Man kann sich ja nicht in beliebig kleinen Schritten vergrößern und sagen, ok, wir planen jetzt mal für 500 Besucher mehr. Die nächste Größenordnung für Festivals, was Personal, Infrastruktur und so weiter angeht, lohnt sich erst ab etwa 10 000 Besucher. Diesen Mehraufwand wollen wir nicht, auch, weil er die Finanzierung schwieriger machen würde.

Was passiert eigentlich mit dem Geld, das mit Rock am Härtsfeldsee verdient wird?

Mack: Das kommt alles in die Vereinskasse. Umsatzsteuervorauszahlung, Vorkasse für die Bands, Merchandising – für den laufenden Betrieb schießen wir übers Jahr einen sechsstelligen Betrag vor.

Wagner: Dass die T-Shirts so gut laufen, hat uns übrigens echt überrascht. Inzwischen kauft sich jeder zweite Besucher ein Festival-Shirt. Egal wo man hingeht hier in der Region, überall sieht man Leute, die sie tragen. Mir ist sogar mal in Italien auf dem Campingplatz einer damit über den Weg gelaufen. War nett, wir haben uns gleich ein bisschen unterhalten.

Leberkäs-Wecken statt Lachsschnittchen: Euer Festival ist für seine Bodenständigkeit bekannt. Welche Rückmeldung bekommt ihr von berühmten Musikern wie Alice Cooper oder Motörhead?

Mack: Star-Allüren haben hauptsächlich Newcomer, die gerade in der Szene gehypte werden. Ansonsten genießen die Bands die gigantische Atmosphäre bei uns, dieses tolle Publikum, das von der ersten bis zur letzten Minute mitgeht. Manchmal frage ich Bands an, die schon mal bei uns gespielt haben. Wenn die dann zusagen mit der Begründung, dass sie sich an unsere Truppe und das tolle Catering erinnern und auch deshalb gerne nochmal kommen, ist das ein großes Lob, finde ich. Alice Cooper kennenzulernen, war übrigens toll. Umso berühmter, umso normaler, kann man da nur sagen. Lenny von Mitörhead hat dem Fahrer, der ihn nach Stuttgart auf den Flughafen gebracht hat, 80 Pfund Trinkgeld gegeben als Dank für die gute Zeit bei uns am Härtsfeldsee.

Der Auftritt von Motörhead stand unter keinem so guten Stern.

Mack: Die haben sich an dem Tag, an dem sie als Headliner angekündigt waren, aus Bulgarien gemeldet. Das Flugzeug war kaputt, sie wollten den Auftritt absagen. Wir haben alle Hebel in Bewegung gesetzt und versucht, eine Chartermaschine zu bekommen. Hat tatsächlich geklappt. Wir sind im Shuttle nach Augsburg gefahren und durften ohne Kontrolle direkt aufs Rollfeld. Als wir in den Jet rein sind, um beim Tragen zu helfen, hat uns fast der Schlag getroffen. Alle vierzig Sitzreihen waren mit Kisten belegt. Der Tag hat trotzdem ein gutes Ende genommen. Motörhead hat mit nur einer Stunde Verspätung zu spielen begonnen.

So ging es im vergangenen Jahr bei Rock am Härtsfeldsee ab (Foto: Joachim Bozler).

22 Jahre Party am Rande eines Naturschutzgebiets: Wie oft gab es Diskussionen mit besorgten Bürgern?

Wagner: Die Party darf erst nach dem 20. Juni starten, wenn die Brutzeit vorbei ist, daran halten wir uns natürlich. Außerdem wird nach RaH einmal um den See großräumig Müll gesammelt. Ich würde behaupten, dass danach immer sauberer ist als vorher. Ich denke, die Vögel haben sich an uns gewöhnt – und die Leute auch.

Gab es in der Anfangszeit Vorbehalte gegen die jungen, lauten Wilden?

Mack: Klar. Teils wurden wir belächelt, teils kam die Frage, ob das wirklich sein muss. Andere hatten Bedenken wegen der gefährlichen Rocker, die sich da am Härtsfeldsee rumtrieben. Dabei ist das Metal-Publikum tiefenentspannt, gewaltfrei und hilfsbereit. Die Sanitäter haben trotzdem viel zu tun. Schnittverletzungen, Sonnenbrände, Mückenstiche – und Verletzungen, die dem Alkohol geschuldet sind.

Wagner: Inzwischen ist RaH fester Bestandteil des Dorflebens. Die Bäckerei dekoriert ihre Schaufenster, viele Leute aus Dischingen helfen mit, viele Ältere, die man auf der Straße trifft, fragen: Wann ist denn der Rock? Witzig ist, dass auch die Schüler in den umliegenden Dörfern mitfiebern. Wir bestellen traditionell 200 Bändel mehr. Die verteilen unsere Kinder dann an Klassenkameraden, darauf warten alle immer schon ganz gespannt.

Viele von Euch haben inzwischen Familie. Wie gut passen harter Rock und kleine Kinder zusammen?

Wagner: Unsere Kinder sind damit und deshalb auch miteinander aufgewachsen. Es ist eine Art Familien-Happening mit Opas, Enkeln, Tanten, Liegewiese. Wenn alle zusammenkommen, sind wir 800 Leute. Wir sehen uns auch zu anderen Terminen, beispielsweise beim Helferfest oder beim Vereinsausflug.

Mack: Traditionell nehmen wir eine Woche Urlaub dafür. Diskussionen Zuhause gibt es eigentlich nicht, unsere Partner sind ja auch alle schon lange mit dabei, manche von Anfang an. Schwierig wird es, wenn jemand neu dazu kommt und ehrenamtliches Engagement in dieser Form nicht kennt.

Es ist also eine kleine heile Welt am Härtsfeldsee, kann man das so sagen?

Mack: Es gibt schon ein paar Dinge, die uns Sorgen machen. Die strengen Auflagen beim Jugendschutz zum Beispiel oder die Sache mit der Getränkeausgabe. Der Gesetzgeber will, dass Kassensysteme eingeführt werden, die ohne Bargeld funktionieren. Dafür braucht man aber Glasfaserkabel und Internet, was mit einem großen administrativen und finanziellen Aufwand verbunden ist. Das Essensangebot haben wir aus dem Grund ausgelagert: zu viele Auflagen, zu viel Stress. Das konnten wir mit Ehrenamtlichen nicht mehr leisten.

Habt ihr schon mal überlegt, deshalb ganz aufzuhören?

Mack: Unser Traum ist natürlich, dass RaH immer weiter geht, dass unsere Kinder dieses Erbe weiterführen und dass wir irgendwann nur noch als Besucher kommen und mitfeiern. Trotzdem stellen wir jedes Jahr bei der Jahreshauptversammlung am Ende die Frage: Mach mers nochmal? Es gab in all den Jahren keine einzige Gegenstimme.

Achso: Lasst ihr es zum Ausgleich eigentlich bei anderen Festivals krachen? Bei RaH kommt ihr sicher kaum zum Feiern.

Mack: Es kommt die Zeit, da will man nicht mehr im Zelt schlafen und drei Tage durchfeiern.

Wagner: Früher haben wir das öfters gemacht, auch, um zu gucken, wie es anderswo läuft. Wir stehen im Austausch mit den Veranstaltern von „Summer Breeze“, zu „Wacken“ haben wir ein gutes Verhältnis. Aber genau genommen brauchen wir keine anderen Festivals – Wir haben ja unser eigenes.

Info:

Wir von Noise verlosen zwei Tickets für „Rock am Härtsfeldsee“! Ihr wollt an dem Gewinnspiel teilnehmen? Schreibt uns einfach bis Dienstag, 18. Juni, eine E-Mail mit dem Betreff „Rock am Härtsfeldsee“ sowie eurem Namen, Alter, Anschrift und Telefonnummer an gewinnspiel@noise-online.de

Der Gewinner der Gutscheine wird dann per Mail benachrichtigt.

Mehr Infos zum Festival und eine Übersicht über alle Bands findet ihr hier.

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