„Erpfenbrass“ im Interview: „Bei der ersten Platte hatten wir noch nicht mal Noten“

Seit zehn Jahren fusioniert die Gerstetter Band „Erpfenbrass“ Polka und E-Bass, Jazz und Blasmusik. Das feiern die sechs Jungs nicht nur beim Blasmusik-Festival „Summer Brass“, sondern auch mit der Veröffentlichung ihres dritten Albums „Drei“. Im Interview erzählt Bassist Andi Schmid, wie das Album entstand und warum sich auch „Erpfenbrass“ manchmal in die Haare kriegen.

Bei „Erpfenbrass“ spielt Andi Schmid unter anderem E-Bass, Gitarre sowie E-Gitarre. (Foto: Sabrina Balzer)

Hand aufs Herz: Die knallbunten Anzüge, die ihr als „Erpfenbrass“ bei euren Auftritten tragt… Habt ihr euch bei den Farben von den Teletubbies inspirieren lassen?

Andi Schmid: (lacht) Ja.

Die Anzüge sind inzwischen fast schon euer Markenzeichen. Wie kam es dazu?

Meine Mutter hatte die Idee, dass jeder von uns eine farbige Krawatte trägt. Am Anfang sind wir in schwarzem Sakko, Anzughose, schwarzem Hemd und farbiger Krawatte aufgetreten. Irgendwann haben wir die bunten Anzüge im Internet gefunden und fanden das total cool. Für sich sehen sie ein bisschen billig aus und sind auch nicht so gut verarbeitet, aber auf der Bühne wirken die Anzüge einfach cool, weil es so knallige Farben sind.

Inzwischen tretet ihr seit zehn Jahren auf allen möglichen Bühnen auf. Kannst du glauben, dass es „Erpfenbrass“ echt schon ein ganzes Jahrzehnt gibt?

Nee, das ist echt krass. Von uns hatte keiner gedacht, dass wir mal professionell Musik machen. Ursprünglich begann das Ganze als Geburtstagsständchen für meinen Vater; gleich die Woche drauf hatte der Onkel von Basti und Jan Geburtstag, da haben wir auch gespielt. So hat sich das ganz langsam aufgebaut und ist immer professioneller geworden. Wir haben uns ziemlich entwickelt, sowohl musikalisch als auch von der Besetzung.

Gab es einen Punkt, an dem ihr euch bewusst dafür entschieden habt, professionell Musik zu machen?

Es gab so einen kleinen Meilenstein, nämlich als Jan angefangen hat, Musik zu studieren, er war der erste von uns, der das getan hat. Er ist dann für kleine Ständle immer von Würzburg hierhergefahren, was schwierig war. Da haben wir gesagt, dass wir die Band größer aufziehen wollen. Wir haben Gagen verlangt und geschaut, wo wir Equipment herkriegen. Am Anfang hat jeder sein eigenes Zeug mitgebracht, inzwischen haben wir einen Anhänger für unsere Ausrüstung und einen Bandbus.

Habt ihr trotzdem weiterhin Geburtstagsständchen gespielt?

Das machen wir immer noch, allerdings mehr so als Freundschaftsding. Jeder von uns kommt dann mit Instrument, ohne Verstärker. Trotzdem sind die Ständle weniger geworden, dafür spielen wir viel mehr Konzerte.

Und das ziemlich erfolgreich, obwohl Blasmusik jetzt nicht unbedingt den Ruf hat, total cool zu sein und die Jugend anzusprechen. Was hat euch dazu bewegt, dem Genre einen Neuanstrich zu verpassen?

Mein Vater, der eigentlich nicht so viel mit Blasmusik zu tun hat, hatte eine Phase, in der der „Böhmische Traum“ sein absolutes Lieblingslied war. Von mir hat er sich damals den „Böhmischen Traum“ zum Geburtstag gewünscht. Ich habe damals schon viel Jazz gemacht und gesagt, wenn wir jetzt schon ein Ständle spielen, will ich auch ein bisschen Jazz machen. Jan wollte auch noch einen Song von den Beatles spielen. Damit war gleich der Grundstein gelegt, dass wir alle alles machen und uns genremäßig nicht eingrenzen. Blasmusik ist in letzter Zeit auch wieder modern und hip geworden. Bands wie „Moop Mama“ und „LaBrassBanda“ sind ja richtig erfolgreich.

Ihr wart eine der ersten, zumindest hier in der Gegend.

In der Gegend, ja, das stimmt. Als wir uns gegründet haben, waren „LaBrassBanda“ auf dem aufsteigenden Ast. Die waren gerade fünf Jahre alt und haben ihr erstes Album rausgebracht, als sich die Brass-Szene entwickelt hat.

Sind „LaBrassBanda“ Vorbilder für euch, beziehungsweise habt ihr überhaupt Vorbilder in diesem Genre?

„LaBrassBanda“ sind auf jeden Fall große Vorbilder, da sie eine ähnliche Besetzung haben wie wir und ähnliche Sachen machen, also Pop-Rock mit Gesang, eigene Titel und Cover-Songs. Wir haben auch einen Titel von „LaBrassBanda“ im Programm. Sonstige Vorbilder sind „Moop Mama“ und „Lucky Chops“, oder auch „Tower of Power“.

Seid ihr selbst auch Vorbilder für andere Musiker?

Ich glaube schon, denn der Anteil an Jugendlichen in Gerstetten, die gerade zum Musik studieren gehen, ist exorbitant hoch. Ich denke, dass wir für die eine Art Vorbild-Funktion haben, da es ein mutiger Schritt ist, zu sagen, ich gehe jetzt Musik studieren. Leute zu sehen, die das schon mal gemacht haben, musikalisch aktiv sind und damit auch noch ihr Geld verdienen, hat, glaube ich, schon Vorbild-Funktion.

Ihr verdient euer Geld mit Musik – heißt das, ihr seid inzwischen alle Berufsmusiker?

Das sind wir, allerdings ist „Erpfenbrass“ nicht unser einziges Standbein. Wir dirigieren, unterrichten, schreiben Musik und Arrangements, geben Workshops und sind zudem noch in anderen Bands.

Was machst du neben „Erpfenbrass“ noch alles?

Ich bin an der Musikschule Giengen als E-Bass- und Kontrabasslehrer angestellt und mache dort vermutlich auch bald ein Bandcoaching. Dann dirigiere ich die BSH-Bigband in Giengen, außerdem bin ich ein- bis zweimal im Monat in Bergatreute in der Nähe von Ravensburg, da gibt es eine Musikakademie, an der ich E-Bass- und Kontrabassunterricht gebe und als Dozent für Chorworkshops arbeite. Außerdem bin ich Bassist bei Madeline Willers, das ist eine Schlagersängerin, die gerade ein paar Hits auf SWR4 hat. Ich lebe eigentlich davon, dass mein Handy klingelt und irgendjemand einen Bassisten braucht.

Und sollte es mal nicht klingeln, ist „Erpfenbrass“ dann die eine große Konstante?

Auf jeden Fall. Zwar nicht immer finanziell, da bin ich froh, dass ich die Musikschule habe, denn da wird am Ende des Monats ausbezahlt. Der Rest kommt halt so, wie es reinfällt.

Geprobt für den großen Jubiläums-Auftritt wird unter anderem beim Flugsportverein Gerstetten. (Foto: Sabrina Balzer)

Nach konstanten zehn Jahren kommt jetzt das dritte Album, „Drei“. Wie lange war die Platte in der Mache?

Die war ziemlich lange in der Mache – im Gegensatz zu den ersten beiden Alben. Deshalb hießen die auch „Hart verzwungen“; wir sind da relativ unvorbereitet ins Studio gegangen. Bei der ersten Platte hatten wir nicht mal Noten. Wir wussten, welche Songs wir spielen wollten, haben die im Studio schnell aufgenommen und zum Glück sind sie dann gut geworden. Beim neuen Album haben wir schon im Vorfeld die Songs grob ausgewählt. Anfang des Jahres gab es dann eine „Pre-Production“, das heißt, wir haben alle Titel in schlechter Qualität aufgenommen, damit wir sehen konnten, was man noch ändern muss. Unser Produzent Markus Ehrlich hat uns geholfen, die Songs zu arrangieren und eventuelle Spannungen zu schlichten. Bei den Proben kann man einen Song nämlich auf verschiedene Arten spielen, jeder ist dann von seiner eigenen Meinung überzeugt und manchmal stressen wir uns da richtig. Markus hat uns geholfen, solche Sachen zu entscheiden.

Wo habt ihr das Album aufgenommen?

In Sandhausen, das ist in der Nähe von Mannheim. Dort haben wir uns für zweimal drei Tage in einem Studio eingemietet, in dem man auch wohnen und kochen kann.

Ist das Album vom finanziellen Aufwand vergleichbar mit den ersten beiden Alben?

Eigentlich hat es genauso viel gekostet. Ziemlich viel Geld ist das.

Wo liegt man da ungefähr?

Bis alles fertig ist, liegt man bei 40 000 Euro.

Stolze Summe.

Ja. Bis die Tonaufnahmen fertig sind und alles gemixed und gemastered ist, sind das so 20 000 Euro. Mit Artwork, Druck und der Limited Edition kommen dann nochmal 20 000 Euro dazu.

Ihr gebt euch viel Mühe mit den Limited Editions. Die ersten beiden Alben waren kleine Holzschatullen mit Scharnieren.

Das machen nicht mehr viele. Wir wollten unseren treuen Fans etwas bieten. Dabei machen wir auch viel handwerklich; unsere erste CD hatte einen „Branding“-Stempel oben drauf, das haben wir alles von Hand gemacht.

Die ersten fünf Bandjahre wart ihr eher instrumental unterwegs, mit dem zweiten Album gab es mehr Gesang und ein paar Cover-Songs. Was hat Album Nummer drei in petto?

Das setzt diesen Sound fort, das heißt, noch mehr Gesangstitel und es wird radiofreundlicher.

Auf den ersten beiden Singles vom neuen Album wirkt der Gesang viel selbstbewusster als früher. Traut ihr euch heute mehr zu?

Inzwischen tun wir das. Das erste Mal gesungen haben wir bei dem Titel „Wirklich“…

…den du gesungen hast.

Genau, damals hatte ich noch überhaupt keine Ahnung vom Singen und war in dieser Hinsicht auch sehr schüchtern. In meinem Home-Studio habe ich das mal ausprobiert. Die Jungs meinten, das klingt cool, den nehmen wir in unser Programm auf. Das war eine große Überwindung für mich. Nach drei Jahren live singen sind wir aber daran gewachsen und haben Spaß am Singen gefunden. Das ist auch ein Faktor, der die Leute live noch mehr packt. Wenn man zwei Stunden Instrumentalmusik spielt, schaltet das Publikum irgendwann ab. Etwa jeder dritte unserer Live-Songs ist daher mit Gesang.

Habt ihr noch andere musikalische Ziele, die ihr in den nächsten Jahren angehen wollt?

Eigentlich sind wir ganz happy mit unserem Sound. Da wir sowieso schon alles machen, wüsste ich gar nicht, was wir sonst noch abdecken könnten.

Habt ihr schon Album Nummer vier im Blick?

Basti sagt immer, „Drei“ ist das letzte Album, das wir machen. Bei mir ist es so, immer, wenn wir eine Platte aufnehmen, finde ich das total stressig. Jetzt bin ich aber so weit, dass ich wieder total Bock auf das nächste Album habe. Derzeit ist aber noch nichts geplant. Jetzt müssen wir erstmal das dritte Album rausbringen und abbezahlen.

Euer neustes Werk feiert ihr jetzt am Wochenende.

Am 24. August ist großer „Zehn Jahre ‚Erpfenbrass‘“-Abend, da spielen wir und „Funky Number Seven“, eine Band aus Würzburg. Am Sonntag gibt es dann einen Frühschoppen in Heldenfingen mit diversen Blaskapellen. So ein Riesenfest haben wir natürlich nicht alleine hingekriegt, der Musikverein Gerstetten unterstützt uns da tatkräftig.

Zehn Jahre „Erpfenbrass“: War von Anfang an klar, dass ihr das in eurer Heimat feiert?

Das muss in Gerstetten sein. Da hat alles begonnen, da wohnen wir alle und dann müssen wir auch nicht so weit heimfahren.

 

„Summer Brass“: Programm und Mitwirkende

Am Freitag, 23. August, stehen mit der Formation „Erpfenbrass XXL“ gleich 13 Musiker auf der Bühne am Flugplatz Gerstetten. Auch mit dabei sind Vlado Kumpan und seine Musikanten und Max Palzer & Band. Beginn des Konzertes wird um 18 Uhr sein.

Am Samstag, 24. August, spielt die klassische Sechserbesetzung von „Erpfenbrass“ ab 20 Uhr zum zehnjährigen Jubiläumsprogramm. Unterstützt werden sie von „Funky Number Seven“ und weiteren Gästen. An diesem Abend wird auch das dritte Album vorgestellt.

Am Sonntag, 25. August, gibt es ab 10 Uhr im Gasthaus zum Ochsen in Heldenfingen einen Blasmusik-Frühschoppen. Karten im Vorverkauf gibt es auch im Ticketshop im Pressehaus der Heidenheimer Zeitung.

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