Die Plachtziks

Die Brüder Julian und Marvin Plachtzik verbindet die Liebe zur Musik. Im Interview sprechen sie über Mobbing, Trauer und Familienzusammenhalt.

Euer Vater Hendrik Plachtzik macht schon sein Leben lang Musik. Habt ihr die Begabung für Gesang, Rhythmus und Melodie in die Wiege gelegt bekommen?

Marvin: Ich erinnere mich gern daran, wie wir unseren Vater bei Konzerten mit seiner Band „Henry“ angefeuert haben. Die kleinsten Fan-Shirts waren damals wie Nachthemden für uns, aber wir haben sie mit Stolz getragen.
Julian: Als ich zwölf Jahre alt war, habe ich in meinem Zimmer viel für mich alleine gesungen, meine Stimme ausprobiert und optimiert. Michael Jackson war für mich mein großes Vorbild. Meinen ersten großen Auftritt hatte ich anlässlich der Mai-Konzerte des Schiller-Gymnasiums im Jahr 2013 mit „I’ll Be There“, „Thriller“ und „Man in the Mirror“ mit der „Jungen Band“ unter Leitung von Anja Schumacher. Als ich zum Schluss den Moonwalk gemacht habe, hat das ganze Konzerthaus getobt.

Welche Instrumente spielt ihr?

Marvin: Ich hatte mal eine Zeit lang Klavierunterricht. Ich bin deshalb immer noch gut im Noten lesen. Ich bin eher der Praktiker, was Musik angeht. Alles, was ich so mache, habe ich mir selbst beigebracht: Texte schreiben, rappen, Songs aufnehmen und abmischen, Musikvideos drehen, fotografieren, designen.
Julian: Ich spiele Geige, Gitarre, Percussion und derzeit lerne ich Akkordeon. Ich hatte in den letzten Jahren viele Gelegenheiten, unter professioneller Anleitung meine Stimme und mein musikalisches Gehör auszubilden und ein Gefühl für Melodie und Mehrstimmigkeit zu bekommen. Thomas Kammel, musikalischer Leiter des Neuen Kammerchors Heidenheim, hat mich sehr früh zu den „Young Males“ und kurz nach dem Stimmbruch auch in den Kammerchor geholt. Für drei Jahre war ich Stipendiat der Hermine-Klenz-Stiftung in Giengen und bekam Gesangsunterricht beim Opern- und Konzertsänger Christian Zenker, der mich bis zum Bundeswettbewerb Jugend Musiziert im Jahr 2018 nach Lübeck brachte.

Ein experimentierfreudiger Rapper und ein junger Mann, der sich in Zeiten weit verbreiteter Religionsmüdigkeit ausgerechnet der sakralen Musik verschrieben hat – wer im Rampenlicht steht und damit Erfolg hat, hat immer auch Neider, oder?

Marvin: Ich war noch nie Standard. Eine Zeit lang habe ich mir meine Klamotten selbst geschneidert, da haben sie mich in meiner Klasse beschimpft. Später musste ich mir wegen meinen Raps viel anhören. Das war eine harte Zeit, aber ich bin daran gewachsen. Die Hass-Kommentare unter meinen Musikvideos machen mir nichts aus. Wenn man vom Mainstream abweicht, muss man über solchen Anfeindungen stehen. Als Künstler musst du Rampensau sein. Seit einiger Zeit werde ich in Heidenheim auf der Straße auf meine YouTube-Videos angesprochen und bekomme viel positive Rückmeldungen.
Julian: Als freischaffender Opern- und Konzertsänger und Popularmusiker habe ich neben der Interpretation von Popsongs eine Leidenschaft für sakrale Musik. Es steckt eine unglaubliche Kraft in Musik und Texten, die von allen Lebenslagen der Menschen handeln. Mir ist es wichtig, Musik zu machen, die Menschen im Innersten berührt.

Woher kommt das Interesse für Religion, Julian?

Julian: Unsere Mutter ist gestorben, als mein Bruder neun und ich zwölf Jahre alt waren. Die Religion hat sich in dieser Zeit zu einem festen Bestandteil meines Lebens entwickelt. Ich studiere im zweiten Semester evangelische Theologie und möchte Menschen Hoffnung schenken. Ich möchte ihnen das Gefühl geben, dass sie auch in schweren Zeiten nicht alleine sind und verstanden werden.

Pfarrer haben ein hohes gesellschaftliches Ansehen, Rapper steckt man dagegen gern in die unterste moralische Schublade?

Marvin: Stimmt. Hip-Hop gilt als asozial, jeder denkt sofort an die übelsten Schimpfworte. Aber wer genau hinhört, hört die Botschaften raus aus den Texten. Meine sind gerapped, gesungen, melodisch, künstlerisch. Ich verwende Elemente aus dem Pop der 80er-Jahre, aus der Klassik, auch Country ist vertreten und die lateinische Sprache. Insgesamt besteht mein erstes Album aus 16 Songs.

Eure Songs findet man bei Youtube und Spotify. Der Erfolg lässt sich leicht an den Klickzahlen ablesen. Wie wahrscheinlich ist es, dass ihr mal mit Musik euren Lebensunterhalt verdienen werdet?

Julian: Im Berufsleben möchte ich Glaube und Musik eng miteinander verbinden können.
Marvin: Ich habe noch keine konkrete Vorstellung, in welchem Job ich später arbeiten werde. Vielleicht mache ich einfach von allem, was ich kann, ein bisschen was. Ich mache mir keine Sorgen um meine Zukunft.

Dein Vater ist ja Lehrer von Beruf – wäre das nichts für dich, Marvin?

Marvin: Ich habe jede Woche zwei, drei Leute bei mir, die in meinem Tonstudio Songs aufnehmen wollen, mindestens einer hätte gerne ein Musikvideo dazu. Ich bin überrascht, dass es so viele Rapper gibt in der Gegend. Viele fragen, ob ich sie unterstützen kann. Ich kann mich also nicht beklagen, dass mir langweilig ist, im Gegenteil. Sowas wie ein Coach zu sein, macht Spaß, ist manchmal aber auch ganz schön anstrengend.

Musik als Lebensinhalt – ist da noch Platz für andere Hobbys?

Marvin (lacht): Ich war letztes Jahr mal im Fitness-Studio.
Julian (lacht auch): Wenn wir die Musik nicht hätten, hätten wie sehr viel freie Zeit . . .

Welchen Anteil hat Euer Vater Hendrik an Eurem Erfolg?

Julian: Er hat uns auf unserem Weg unterstützend begleitet. 2015 zum Beispiel sind wir nach Wien gefahren, weil ich mich dort Charlotte Leitner, der Regisseurin der „Johann-Strauss-Operette“, vorstellen durfte. Wir sind mehrere Tage geblieben. Jeden Tag hat sie mit mir gearbeitet.
Marvin: Das erste Tonstudio, dass ich mir in meinem Kinderzimmer eingerichtet habe, bestand aus gebrauchten Sachen meines Vaters. Inzwischen habe ich eine semiprofessionelle Ausstattung, er hat mich bei der Anschaffung finanziell unterstützt – auch, weil wir als Familie insgesamt davon profitieren. Wir erzählen uns von unseren Projekten und geben uns gegenseitig Tipps. Mein Vater und ich arbeiten seit acht Monaten an seinen alten Songs, er möchte, dass sie aktueller klingen.

Ab dem nächsten Jahr werdet ihr gemeinsam mit eurem Vater als Plachtzik‘ auftreten. Es geht um Stimme pur und die wohltuende Wirkung von Musik. Wie klappt das Zusammenspiel zwischen Vater und Söhnen?

Marvin: Da treffen halt drei Musiker aufeinander. Reibereien lassen sich da nicht vermeiden. Julian und ich singen seit Jahren im Neuen Kammerchor und sind klare Ansagen beim Proben gewohnt: Partitur soundso, Takt soundso, wir haben Noten und einen Text. Da müssen wir drei verschiedene Vorstellungen zu einem runden Ganzen formen. Das sorgt manchmal für Diskussionen.
Julian: Dieses Projekt ist für mich ein Spiegelbild unserer Familie. Es ist eine Gelegenheit, unseren Umgang zu prüfen und uns gemeinsam weiter zu entwickeln. Bisher haben wir sehr wenig gestritten zu Hause. Seit die Proben laufen, ist das anders, jeder muss seine Rolle finden und auf den anderen zugehen.

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