Heidenheimer Hip-Hop

In der deutschen Rapszene wird Şevket Dirican längst nicht mehr als Geheimtipp gehandelt – und doch wird das Schaffen des 33-Jährigen in seiner Heimat praktisch kaum wahrgenommen. Dabei trat „Chefket“, so sein Rapper-Pseudonym, schon als Live-Support von Größen wie Marteria oder Jan Delay auf – und präsentiert auch bei großen Festivals wie dem Splash (Grafenhäinichen, Sachsen-Anhalt) oder dem Hip-Hop-Open in Stuttgart vor zehntausenden begeisterten Zuschauern sein Können.

Chefket. Vor knapp elf Jahren hast Du Heidenheim verlassen, lebst seither in Berlin, zumindest wenn Du nicht grade auf Tour bist oder auf Festivals spielst. Wie oft besuchst Du die alte Heimat noch?

Praktisch gar nicht mehr. Ich bin seit längerer Zeit nicht mehr da gewesen, ich glaube seit unserem letzten Interview (Oktober 2013). Das hat vor allem zeitliche Gründe – und weil niemand aus meiner Familie dort noch lebt, geschweige denn enge Freunde. Trotzdem: Wenn ich hin und wieder mal ein Konzert in der Nähe gebe, etwa in Stuttgart, Augsburg, München, dann versuche ich, schon mal einen Abstecher nach Heidenheim zu machen.

Konzert ist ein gutes Stichwort: In Deinen früheren Tagen, mit der ersten Band „Nil“ und solo, hast Du regelmäßig Konzerte in Heidenheim gegeben. Warum jetzt nicht mehr, mit lokalen Wurzeln sollte doch etwas möglich sein?

Ganz einfach, es bucht mich keiner. Klar, für meine Tour im Herbst werde ich natürlich erst mal in größeren Städten gebucht, also in Stuttgart oder München, um jetzt mal die mit der kürzesten Anfahrt zu nennen. Aber ganz ehrlich: Ich kann auch nicht einschätzen, ob man meine Musik in Heidenheim überhaupt hört, ich bin ja vor inzwischen über zehn Jahren fortgezogen. Aber wo ich auch auftrete: Die Leute, die zu meinen Konzerten kommen, kennen meine Texte. Selbst wenn ich dafür gar keine Promo mache, wie vor einiger Zeit beim „Guter Tag“-Mixtape.

Das war aber auch kein Selbstläufer, oder?

Nein, wo ich heute stehe, dafür musste ich über Jahre hinarbeiten. Ich habe mich auch deshalb in der Szene etabliert, weil die Leute meine Bühnenauftritte schätzen. Früher war es so, dass ich die Bühne gerockt habe – für nen Getränkegutschein. Da hat der Türsteher mehr verdient als ich. Und heute sagen die Leute bei meinen Aufritten, ich sei einer der besten Live-MCs Deutschlands. Es ist der Wahnsinn, wenn man als Vorgruppe von Marteria vor 12 000 Fans auftritt – und man reißt gemeinsam die Hütte ab.

Beim Splash, dem nach wie vor größten Hip-Hop-Festival in Deutschland, sind es noch einige Zuschauer mehr. Du trittst dieses Jahr auf der Hauptbühne auf. Das erste Mal?

Nee, nicht mal. Ich war schon 2010 erstmals dabei, damals aber noch auf einer Nebenbühne. 2011 dann als Support für Marteria – und 2013 dann erstmals alleine auf der Main Stage. Und nun, dieses Wochenende (Anm. d. Red.: Chefkets Auftritt war bereits am gestrigen Freitag) darf ich wieder die Crowd aufpeitschen. Ich freue mich schon sehr drauf, es ist immer wieder etwas Neues.

Eine Woche später geht’s gleich weiter mit dem Hip-Hop-Open in Stuttgart.  Ein Heimspiel, sozusagen.

Ja, das auch. Aber das wird allein deshalb besonders, weil es ja die letzte Veranstaltung dieser Art sein wird. Danach ist ja Schluss mit Hip-Hop-Open. Höchstens, es findet sich jemand, der es weiterführt. Als ich damals in Heidenheim mit der Musik angefangen habe, wollte ich immer hingehen, habe es aber nie geschafft. Und ganz ehrlich: Ich hätte auch nie gedacht, dort irgendwann spielen zu können. Das wird etwas Besonderes, auch weil ich viele Freunde treffen werde und aufgrund des familiären Charakters der Veranstaltung.

Du könntest ja alternativ mal auf dem Brenzpark-Festival auftreten.

Hm naja. Eric Burdon ist der Shit, ich feiere ihn. Aber jetzt mal im Ernst. Meiner Ansicht nach passt dieses Konzept nicht. In Heidenheim passiert viel zu wenig für junge Menschen, wenn ich das aus der Entfernung so behaupten kann. Was die Stadt mal richtig groß aufziehen sollte, wäre ein riesiges Open-Air mit vielen großartigen Künstlern. Und das Ganze komplett kostenlos. Wenn man so viel Geld in die Opernfestspiele steckt, könnte man doch auch für die anderen Altersklassen, die nicht auf Oper stehen, etwas auf die Beine stellen. Dafür wird ja wohl noch bisschen Geld vorhanden sein.

Eine in Heidenheim eigentlich altbekannte Kritik: Es sei zu wenig geboten für die Jugend, heißt es.

Ist doch so. Das war schon damals so, als ich noch in Heidenheim gelebt habe. Es gibt doch nichts, wo die jungen Menschen hingehen und feiern können. Das fehlt total. Das war auch der Grund, dass ich damals kreativ geworden bin, mich intensiv in die Musik reingekniet habe. Ich habe diese Beschäftigung gebraucht – und zum Glück die richtige gefunden.

Blick in die Gegenwart: Im August kommt Dein zweites Album „Nachtmensch“, vor wenigen Tagen wurde das erste Video „Rap & Soul“ veröffentlicht, knapp 100 000 Aufrufe wurden bis dato allein bei Youtube gezählt. Warum hast Du dieses Lied als Promo fürs Album ausgewählt?

Weil es meine musikalische Sozialisation perfekt beschreibt. Ich habe früher viel Zeit in der WCM verbracht, bei meinem Kumpel Boris, der eine unglaublich riesige Plattensammlung hatte. Und so begann ich immer mehr, mich mit Musik zu beschäftigen. Und ja, „Rap & Soul“ beschreibt die Art der Musik, die ich mache. Früher hieß es immer, ein Rapper, der singt, der ist doch schwul. Heute machen das alle so. Und ich stelle mit dem Track klar, warum ich das mache. Außerdem vereint Hip-Hop schließlich alle Musikstile – und ich nehme eben vieles in meinen Songs davon auf.

Ist das geplant, diese Vielseitigkeit in Deinen Songs, wie es auch „Nachtmensch“ rüberbringt.

Eigentlich gar nicht, das ist Interpretationssache mit der Vielseitigkeit. Ich plane das nicht berechnend, ich mache Musik und es kommt am Ende etwas dabei raus. Ich würde behaupten, meine Vielseitigkeit hört man schon seit meinen Anfängen raus. Ich habe in letzter Zeit einfach sehr viel geschrieben und auf „Nachtmensch“ ist das Konzentrat dessen vertreten, was zusammengehört. „Nachtmensch“ ist einfach nur ein langer Song, unterteilt auf zwölf verschiedene Kapitel.

Hast Du auf dem neuen Album einen Lieblingstrack.

Nee, gar nicht, weil ich es auch wie gesagt als eine Einheit empfinde. Aber was ich festgestellt habe ist, dass Songs wie „Rap & Soul“, „Lass gehen“ und „Fliegen“ live sehr viel Spaß machen.

Wenn auf „Nachtmensch“ nur das Konzentrat vertreten ist, was passiert mit dem restlichen Material?

Ich bin so ein Mensch, der einfach mal losschreibt und schaut, was passiert. Ich muss fühlen, dass etwas exakt passt. Und wenn nicht, nehme ich vielleicht für einen Song nur eine Idee auf, übernehme eine Zeile. Anderes liegt einfach nur rum und vielleicht passt es auf ein anderes Album. Ich bin zum Beispiel schon an meinem nächsten Album dran, habe drei EPs fertig.

Sehr produktiv…

Ja, weil ich mich zum ersten Mal in meinem Leben entspannt und ohne Druck der Musik widmen konnte. Ich musste nicht darüber nachdenken, was ich tun muss, um meine Miete bezahlen zu können. Ich bin krass dankbar dafür, wie alles gekommen bist. Ich bin in der Oststadt von Heidenheim aufgewachsen, im Arbeiterviertel. Oft musste ich mir anhören, dass ich mir meine Zukunft doch nicht mit der Musik verbauen soll. Aber ich bin einfach nach Berlin gezogen und habe mich durchgesetzt. Jetzt kann ich machen, was ich mir immer gewünscht habe. Und ich freue mich auf alles, was noch kommen wird.

Mit Chefket sprach Mathias Ostertag

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