E-Scooter: Easy Rider mit 0,5 PS

Wer über Nachhaltigkeit reden will, soll von Verkehrspolitik nicht schweigen. So scheint es zumindest. An Debatten und Diskussionen zur Rolle von Mobilität und vor allem dem Auto für Deutschlands Umweltpolitik mangelt es nicht. Dabei wird oft die Frage nach alternativen Verkehrsmitteln gestellt. Allerorts soll der Verkehr auf die Schiene, in den Städten soll es weniger Autos geben. Ein kleiner Nebenschauplatz ist dabei die Aufhebung der Führerscheinpflicht für E-Scooter in Deutschland, die im Juni in Kraft getreten ist.

Auf den ersten Blick erinnert der E-Scooter vor allem an die City-Roller, mit denen man früher als Kind einmal unterwegs war. Im Grunde wie ein gewöhnlicher Tretroller sieht er aus, zwei Gummireifen, Trittbrett und Lenkstange. Auf den zweiten Blick fällt dann aber auf, dass der Scooter über ein Display sowie einen Knopf in der Mitte der Lenkstange verfügt.

Am auffälligsten sind zudem die beiden Pedale: zwei schmale Hebel zum Bremsen und Gas geben, die mit den Daumen gut erreicht werden können. Solche hatte der Roller der Kindheit auch nicht. Kurz den Knopf in der Mitte gedrückt und es ertönt ein Piepsen, während die LED-Anzeige aufleuchtet. Sie weist darauf hin, dass die Batterie vollständig geladen ist, es kann also losgehen.

Mit dem Roller auf der Straße zeigt sich, dass aller Anfang schwer ist. Zunächst einmal muss man nämlich lernen, welcher Hebel eigentlich das Brems- und welcher das Gaspedal ist. Und auch, nachdem der richtige gefunden und kräftig betätigt worden ist, stellt man fest: Es tut sich nichts. Das liegt nicht an fehlender Batterieladung. Der E-Scooter kann einfach nicht von alleine anfahren, sondern benötigt etwas manuellen Schwung als Starthilfe. Sobald man ein Stück rollt und dann Gas gibt, setzt der Elektromotor jedoch ein.

Spritztour im Park: Bei flachem Untergrund und schönem Wetter fährt sich der E-Scooter angenehm. (Foto: Maximilian Haller)

„Das ist wie Radfahren“, heißt es von Dingen, die man nie verlernt. Rollerfahren gehört da eventuell nicht dazu, vor allem wenn der Roller plötzlich Eigenleistung mitbringt. Der Motor hat durchaus einige Kraft. Deshalb empfiehlt es sich, das Gaspedal langsam und sparsam einzusetzen. Gerade am Anfang kann man vom plötzlichen Schub überrascht werden, darum sollte man für einen sicheren Stand möglichst weit hinten auf dem Trittbrett stehen.

Auch zu enge Kurven können da gefährlich werden und erfordern etwas Übung. Wenn man sich nach einer Weile an die Eigenheiten des E-Scooters gewöhnt hat, macht das Fahren jedoch sehr viel Spaß. Mit bis zu 20 Stundenkilometern ziemlich schnell und dabei leise gleitet man dahin. Nachdem man gelernt hat, in der Kurve nicht weiter zu beschleunigen, und immer einen Fuß zum Ausbalancieren ausstreckt, macht auch das Wenden keine Probleme mehr.

Mit Abstand am angenehmsten fährt sich der E-Scooter auf glattem Asphalt. Auf Kopfsteinpflaster ist er kaum zu benutzen, und auch auf Schotter wird man stark durchgeschüttelt. Das liegt vor allem an den relativ kleinen Gummireifen, die einen jede Unebenheit im Boden direkt spüren lassen. Daher ist es wohl anzuraten, auch bei abgesenkten Bordsteinkanten vorsichtig zu sein.

Kann der E-Scooter eine (umweltfreundlichere) Alternative zu anderen Verkehrsmitteln sein? Praktisch ist der Roller auf jeden Fall. Man kommt rasch ans Ziel und kann den Roller schnell und einfach zusammenklappen und bei Bedarf verstauen.

Die wichtigste Voraussetzung wird aber vermutlich nicht immer erfüllt sein: Immer den geeigneten Untergrund zu finden, könnte schwierig werden. Es fällt schwer, sich Wege auszudenken, auf denen der E-Scooter das Auto ersetzen kann. Zumindest, wenn man nicht in der Großstadt lebt. Da scheint, wenn man das Auto schon stehen lassen möchte, das Fahrrad immer noch die bessere Alternative zu sein. Und auch die Verkehrssicherheit ist zu bedenken. Was für Radfahrer gilt, betrifft auch die Piloten der neuen E-Scooter. Sie können sehr leicht übersehen werden, und haben bei einem Zusammenstoß wohl immer das Nachsehen, egal, ob sie nach der Straßenverkehrsordnung im Recht waren oder nicht.

Foto: adobe.stock.com/Markus Mainka

Wie umweltfreundlich ist der E-Scooter wirklich?

Seit dem 15. Juni surren sie fast lautlos durch die Straßen: E-Scooter erfreuen sich seit Monaten wachsender Beliebtheit. Der Gedanke dahinter: Die kleinen Roller sollen – zumindest auf kurzen Strecken – das Auto ersetzen, und das mit einem rein elektrisch betriebenen Motor. Nun ist es tatsächlich so, dass die Scooter relativ wenig Energie verbrauchen, vor allem, da sie klein sind und wenig wiegen. Ähnlich wie bei ihren großen Geschwistern, den E-Autos, sieht die Situation aber etwas anders aus, wenn man sich die Produktion genauer anschaut.

Der Knackpunkt liegt in der Batterie: Für die Herstellung wird viel Energie benötigt, nicht immer wird dafür Ökostrom genutzt. Zudem werden für die Produktion der Batterien Nickel, Kobalt und andere Rohstoffe verwendet, deren Gewinnung häufig mit großen Umweltbelastungen verbunden ist. Kritisch sehen Experten auch die eher geringe Lebensdauer der Roller; einige sprechen auch von einem Hype, der unausweichlich abflauen wird und an dessen Ende Unmengen an E-Scooter-Müllbergen stehen.

Also: E-Scooter, ja oder nein? Die Antwort darauf fällt noch schwer. Das Problem an der ganzen Sache ist nämlich, dass es E-Scooter noch nicht lange genug gibt, um verlässliche Prognosen zu machen. Das Bundesumweltamt hat beispielsweise noch keine Zahlen zur CO2-Bilanz der E-Scooter veröffentlicht, genauso wenig liegen bislang Unfallstatistiken vor. Im Zweifelsfall kann man immer noch auf das Fahrrad oder eben auf den klassischen City-Roller zurückgreifen. Der umweltfreundlichste Rohstoff ist nämlich nach wie vor Muskelschmalz.

Zahlen, Daten, Fakten

20 km/h dürfen die Roller maximal fahren. Auf Gehwegen fahren ist verboten, stattdessen müssen sich E-Scooter-Fahrer auf Radwegen fortbewegen, oder, falls diese nicht vorhanden sein sollten, auf Fahrbahnen – auch außerhalb geschlossener Ortschaften.

2 Bremsen gibt es an jedem E-Scooter: Eine elektrische Bremse am Vorderrad sowie eine davon unabhängige mechanische Schutzblechbremse am Hinterrad.

14 Jahre alt muss man mindestens sein, um einen E-Scooter fahren zu dürfen. Führerschein und Helm sind hingegen kein Muss.

3 Dinge müssen permanent an einem E-Scooter angebracht sein: Lichter – sowohl vorne als auch hinten – eine Klingel und ein Aufkleber einer Versicherungsgesellschaft.

21 Unfälle wurden in Berlin innerhalb des ersten Monats nach Legalisierung der E-Scooter registriert. Vier Schwer- und 15 Leichtverletzte waren das Ergebnis. 18 dieser Unfälle wurden von Scooter-Fahrern verursacht, jeder dritte Unfall ereignete sich ohne Beteiligung anderer Verkehrsteilnehmer.

50 Kilometer weit schaffen es E-Scooter maximal. Die meisten Modelle haben jedoch eher eine Reichweite von 20 bis 30 Kilometern.

 

Info

Dieser Artikel ist Teil der HZ-Serie „Mitgedacht“, in der es um Nachhaltigkeit im Kreis Heidenheim geht. Mehr davon lest ihr in eurer Heidenheimer Zeitung oder auf hz.de.

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