„Mädchen sind stark“

Sie sind so sehr in ihr Training vertieft, dass sie erst gar nicht merken, dass die Presse durch die Tür spaziert ist – sowohl in Giengen in dem alten Supermarkt an der Heidenheimer Straße, in dem jetzt die Boxer ihrem Sport nachgehen, als auch in der Bibrishalle in Herbrechtingen, wo die Ringermatte schon zum Inventar gehört. Die Terminauswahl für einen Besuch war recht groß, trainieren die vier Mädels in der Regel immerhin drei- oder gar viermal pro Woche. Die 14-jährige Anna Maria Troccolo aus Giengen ist leidenschaftliche Boxerin, Mara Lena Schaette aus Hürben (10 Jahre), Vasiliki Chochlioni (ebenfalls 10 Jahre) und Sofie Renner (11 Jahre) haben sich Ringen zu ihrem Hobby gemacht. Nicht gerade, wie es gerne heißt, typische Mädchensportarten wie Reiten, Turnen oder Tanzen. Aber durchaus Sportarten, in denen die Mädchen voll aufblühen.

Anna Maria hatte zunächst mit Kickboxen angefangen, seit zweieinhalb Jahren boxt sie nur noch mit den Händen. „Ich lerne, mich zu verteidigen, und viel fürs Leben“, klingt sie schon sehr erwachsen. Gerade in der Schule sei sie froh, wenn sie anderen helfen könne. Bei ihren zwei Stunden Training springt sie Seil, macht Partnerarbeit mit den Handschuhen, steigt ab und an in den Ring. Vier Trainer stehen ihr dabei zur Seite, einer von ihnen ist Friedrich Dick. Ihre Trainer hätten ihr beigebracht, wie wichtig Disziplin ist, außerdem, dass man beim Boxen nicht einfach so auf den Gegner einschlagen darf.

„Ich muss einen Mundschutz, Handschuhe und Bandagen tragen und manchmal muss man beim Boxen auch weitermachen, wenn man nicht mehr kann“, betont die 14-Jährige außerdem. Auf den Sport kam sie übrigens mitunter durch ihren Bruder, der ebenfalls im Boxverein tätig ist. „Ich habe auch Schwimmen und Leichtathletik ausprobiert, aber das hat mir nicht so gefallen“, erzählt die junge Boxerin. Ihre ehrgeizige Einstellung hat ihr schon so manchen Erfolg eingebracht, etwa den baden-württembergischen Meistertitel. Anna Maria strebt aber noch weit höhere Ziele an: „Ich will Weltmeisterin werden.“

Ebenfalls sehr zielstrebig sind die drei Ringerinnen Mara Lena Schaette, Vasiliki Chochlioni und Sofie Renner. Mara Lena ringt seit zwei Jahren, die anderen beiden sind seit vier Jahren dabei. Beim Trainingsbesuch haben sie erst mal die wichtigsten Eckdaten parat: Gerungen werden kann im Verein ab drei Jahren, ab sechs Jahren darf man bei einem Wettkampf teilnehmen. Die Mädchen sind also schon mittendrin im Wettkampfgeschehen.

Bis Ringer zwölf Jahre alt sind, treten Jungs und Mädchen gegeneinander an, von da an aber wird getrennt. Außerdem können sich Männer entscheiden zwischen dem Stil römisch-griechisch, auch Greco genannt, und dem Freistil, während Mädchen nur Freistil ringen dürfen. Der Unterschied ist der, dass beim Greco nur Griffe und Techniken oberhalb der Gürtellinie erlaubt sind, während im freien Stil der gesamte Körper als Angriffsfläche dient und auch die Beine aktiv für Techniken eingesetzt werden. Ziel ist es, den Gegner mit beiden Schultern auf die Matte zu zwingen.

Den Gegner auf die Matte zwingen

Und daran, dieses Ziel zu erreichen, haben die Mädels sichtlich Spaß. „Man kann sich richtig auspowern“, sagt Sofie, die über ihre Familie zum Ringen gekommen ist. Schon ihr Opa sei Kampfrichter gewesen, ihre Geschwister seien ebenfalls beim Ringen gewesen. „Sie war schon als kleines Kind immer dabei“, erinnert sich auch Trainerin Claudia Beck. Vasiliki kam ebenfalls über ihren Bruder zum Ringen, zuvor hatte sie Leichtathletik und Turnen ausprobiert, das hat ihr aber nicht so gefallen. Von Nutzen sein können ihr die anderen Sportarten aber auch auf der Matte. „Wer ringt, muss eigentlich alle Sportarten beherrschen“, erklärt Beck. Ringen imponiert den Mädchen aber auch deshalb mehr als andere Sportarten, weil sie sich beweisen können. „Mädchen sind auch stark“, sagt Vasiliki. Wenn im Schulsport die Matten herausgeholt würden, so erzählen die Mädels, hätten die Jungs längst nicht mehr den Mumm, gegen sie anzutreten.

Anders die Gegner im Wettkampf. Besonderen Mut, da sind sich im Training alle einig, erfordere es beim Ringen, dass die Mädels immer alleine auf die Matte gehen und ihrem Gegner gegenübertreten müssen. Habe der Kampf einmal angefangen, sei die größte Hürde aber geschafft. Antreten dürfen die Mädchen übrigens nur mit fein säuberlich geschnittenen Fingernägeln, getragen werden enge, lange Tops. So kann weniger passieren.

Und worauf kommt es dann an, auf der Matte? Die Mädels zählen auf: Körperspannung, Schnelligkeit, Reaktion, die richtige Technik. „Und Koordination“ – fügt ihre Trainerin noch an. Im Training steht immer zunächst Warmlaufen auf dem Programm, dann dehnen, es folgen Purzelbäume und Übungen zur Grifftechnik. Beim Ringen, so Beck, gebe es jede Menge Griffe und welche geübt würden, orientiere sich am Alter. „Besser, man beherrscht wenige richtig gut, als viele nur ein bisschen“, lautet ihre Devise. Bis die Abläufe sauber sitzen, müssen die Mädels der Trainerin immer alles nachmachen. Sie führt vor, die Mädels machen nach. Und noch mal, und noch mal, und noch mal. Erst ganz am Ende des Trainings wird einfach gerungen. „Danach kann ich immer richtig gut schlafen“, verrät Mara Lena.

 

 

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