Marina lässt die Köpfe rollen

In braunem Gewand und mit dem Beil in der Hand stapft der Henker durch den Steinbruch Hirschhalde in Schnaitheim. Über dem Kopf trägt er einen Sack, der sein Gesicht bei seiner mörderischen Arbeit verdeckt. Über der Schulter liegt das Seil, mit dem er später die verurteilte Ungläubige, Victoria, gefesselt zur Hinrichtung führen wird.

„Oh Mann, du siehst einfach mega aus“, ruft ihm Marina Aigle lachend zu. Er zieht den Sack vom Kopf, bedankt sich und schwingt seine Axt durch die Luft. Der Henker, gespielt von Philipp Karrer, ist nämlich Teil von Marinas Schauspieltruppe für den Film „Victoria“, den sie in Heidenheim und der Umgebung dreht.

Das Mittelalterdrama wird ein Teil der Abschlussarbeit von Marinas Ausbildung zur Film- und Mediendesignerin in Esslingen. Dort an der Lazi-Akademie lernt die Heidenheimerin zusammen mit ihren Kommilitonen in sechs Semestern alles rund ums Filmgeschäft. Der Abschluss danach liegt irgendwo zwischen Ausbildung und Studium, wird aber staatlich anerkannt. Jeder Filmschüler muss bis zum Ende der Ausbildung eine eigene Produktion vorweisen. Eigene Produktion heißt in dem Fall: Marina, schreibt die Geschichte, ist Regisseurin, heuert ihre Schauspieler an, kümmert sich um Kostüme, Drehorte und Requisiten und organisiert Kameramann, Tontechniker und Equipment. Außerdem muss die ganze Truppe, während der Drehtage in Heidenheim untergebracht werden.

Eine Gage kann die werdende Filmemacherin natürlich keinem von ihnen zahlen. „Tu so als ob du Geld dafür bekommst“, ruft einer der Schauspieler Inken Paland scherzhaft zu, die die Hauptrolle, die Victoria, spielt. Sie lacht kurz, wird dann wieder tot ernst. Marina gibt letzte Anweisungen, dann läuft die Kamera wieder. Inken wird zum vierten Mal Barfuß zum Platz ihrer Hinrichtung gezerrt, hält zum vierten Mal ihre Ansprache an die Zuschauer und legt zum vierten Mal ihren Kopf auf die Steinplatte, auf der der Henker ihr, also Victoria, in der nächsten Szene den Kopf abschlagen soll. Über Facebook habe die Heidenheimer Regisseurin des Films die Schauspieler angeschrieben: „Da gibt es Gruppen, in denen man die richtigen Leute findet. Viele machen unbezahlt mit, weil sie einfach mal Lust haben, in einem Mittelalterfilm dabei zu sein.“

Drehort, Kulisse, Requisuiten, Schauspieler, Drehbuch: Marina muss sich um alles selbst kümmern.

Kein Happy End

Marina ist früh dran mit ihrer Arbeit. „Vorproduktion ist mein Ding“, gibt sie zu. Im dritten Semester stand bereits die Story, im vierten dann das Drehbuch und die Schauspieler wurden organisiert. Nach den Dreharbeiten steht nun im kommenden fünften Semester noch die Nachbearbeitung an. Aber Marina ist auch nicht alleine mit alldem. Ihre Ausbildungskollegen helfen ihr, so gut es geht, als Schauspieler, hinter der Kamera, als Tonmann und in der Nachbearbeitung. Auch die Filmmusik komponierte ein Freund aus der Filmakademie.

Kostüme konnten die jungen Filmemacher teilweise von der Gruppe „Paralight Worx“ ausleihen, die schon öfter in Heidenheim Mittelalter oder Antikriegsfilme gedreht hatte. Von dem Kollektiv kam auch die Idee im Steinbruch in Schnaitheim zu drehen. Für Marina der perfekte Ort für einen Mittelalterfilm: „Da sieht es einfach cool aus. Die Felsen passen gut“, schwärmt sie. Aber nicht nur in Schnaitheim wird gedreht. An sieben Drehtagen ist die ganze Truppe zum Beispiel auch auf dem Schloss in Heidenheim, in einer Mittelalterpension, im Wald auf den Reutenen und auf einem Bauernhof beim Sasse-Theater in Schnaitheim.

In Online-Foren hat Marina Schauspieler gefunden, die einfach mal in einem Mittelalter-Film mitspielen wollten. Eine Gage kann sie ihnen nicht zahlen.

Lauter Orte an denen es düster aussehen kann. Passend zur Handlung des Films, die nicht gut ausgeht: „Ich mag kein Happy End“, sagt Marina und lacht. Im Mittelpunkt der Geschichte steht die junge Frau Victoria. Sie glaubt an keinen Gott. Und das im Mittelalter – in einer Zeit, in der das allein ein Todesurteil sein konnte. Von ihrem Mann wird sie deshalb unter Druck gesetzt und misshandelt, bis sie ihn umbringt. Von ihren Zeitgenossen wird die „Ungläubige“ verfolgt und schließlich hingerichtet.

Gerade diese Henkersszene wird zwischen den schroffen Felsen im Schnaitheimer Steinbruch gedreht. Marina sitzt auf einem Campingstuhl und koordiniert alles. Wenn sie mit einem freundlichen „Bitte“ den Startschuss gibt, beginnen die Schauspieler zu spielen und der Henker lässt Köpfe rollen. Die Heldin der Truppe ist während der Drehtage unter der heißen Sonne aber jemand anders: „Meine Mama bringt Getränke und Verpflegung. Das ist das wichtigste“, sagt die junge Regisseurin und ist dankbar um jeden freiwilligen Helfer. Denn auch mit viel Improvisation ist so ein Dreh teuer: „Auch ich dachte, es wird billiger. Kostümfilme sind aber immer anspruchsvoll.“, gibt die Filmdesignerin in spe zu. Wieso es dann gerade ein 30- bis 40-minütiger Mittelalterfilm werden musste? „Ich bin einfach fasziniert von der Zeit. Außerdem bin ich ein echter ‚Game-Of-Thrones‘-Fan“, erklärt Marina.

Wann und wo läuft der Film?

Premiere hat Marinas Film am 31. Januar 2020 in Stuttgart im Haus der Wirtschaft, wenn alle Abschlussarbeiten gezeigt werden. Danach mag sie ihn bei verschiedenen Filmfestivals einreichen und würde ihn am liebsten auch im Kino in Heidenheim zeigen. Wer den Mittelalterstreifen also sehen möchte, bekommt Gelegenheit dazu, muss sich allerdings noch bis nächstes Jahr gedulden.

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