Romeo & Julia

Im Heidenheimer Café Swing hieß es jetzt „Romeo meets Julia“, in einer sehr eigenwilligen und eigenständigen Inszenierung eines ausgesprochen jungen Teams.

Zum Auftakt gibt’s den sonetthaften Prolog sozusagen im „O-Ton“, wunderbar dargeboten, im Renaissancekostüm, von Susanne Schneider, mit dem Versprechen auf „two hours traffic on our stage“ (realiter waren’s dann 80 Minuten).

Stadtpark voller Pisse

Und dann, harter Schnitt, geht’s ins Milieu: „Der Stadtpark voller Pisse – weil ich das so will“, rappt da ein junger Mann in sehr neuzeitlichem Häs: Wir befinden uns in der „Verona-Bar“, in der Welten hart aufeinander treffen. Da dominiert Romeo, „der coole Rapper, gefangen in der Gosse“, der Kopf der Montague-Gang. Und da ist, auf der anderen Seite, die Clique um Julia, die Tochter des reichen Capulet, der die Bar abreißen und dort ein renditeträchtiges Einkaufszentrum errichten will.

Seine Tochter ist ebenfalls „gefangen“, aber sinniger- und Kontrast schaffenderweise „im goldenen Käfig“. Daraus befreien will sie sich sowieso und auf eine „Elite-Akademie“ gehen. Sie bekommt eine Abschiedsparty ausgerichtet, bei der ihr Freunde mit Lyrics „Goodbye“ sagen. Spontanen Beifall erhielt dabei die inhaltlich eigentlich absolut unkorrekte Liebeserklärung „an alle Frauen“ von Tybalt (ein großer Pluspunkt: Jacob Hetzner) – am Schluss klugerweise selbstironisch gebrochen vom „Macho-Arsch“.

Und Julia selber bringt das feinsinnige „Ein Vogel will fliegen können“, das an Rilkes „Panther“ erinnert. Und dabei taucht Romeo auf: „Wer bist Du, der mein Herz mit süßer Wärme füllt“, heißt es nun. Und das dahingeworfene „Oh, Glück“, shakespeareanischer Ü-O-Ton, ist um Welten entfernt von der Rap- und Poetry-Slam-Sprache in der „Verona-Bar“, in der jeden Abend lustvoll „gebattelt“ wird und Romeo beispielsweise als „Marathonficker“ einen profunden Ruf genießt.

Vom Ensenmble einiges abverlangt

Es geht also mal laut, mal innig zu. Manches wird überdeutlich breitgetreten, manches feinsinnig vorgedacht. „Romeo meets Julia“ ist eine jugendfrische Vorstellung davon, wie die beiden Liebenden aus markant unterschiedlichen Lagern ihren eigenen, selbstbestimmten Weg zu gehen versuchen: „Vielleicht ist Eure Liebe viel stärker als die ganze Streiterei“, heißt es einmal, die Macht der Liebe ins gleißende Licht setzend

„Romeo meets Julia“ überzeugt, ja überwältigt vor allem durch die Macht der Unmittelbarkeit des „Projekttheaters“: Über anderthalb Jahre haben zahlreiche Jugendliche, deren Kern dem Naturtheater zuzurechnen ist, ein auf Shakespeare immerhin basierendes Stück erarbeitet und dann in eine solitäre Inszenierung überführt, die im Café Swing (Dank dem kulturoffenen Betreiber Michel Kneule!) heftigen Applaus erntete.

Dem zehnköpfigen Ensemble wird einiges abverlangt: Es soll eine große Geschichte spielen – und große Gefühle wie in „Romeo und Julia“ sind nicht leicht dargeboten, schon gar nicht von postpubertären jugendlichen Amateurschauspielern, deren Freundeskreis im Publikum deutlich präsent ist. Und das spielerische Potenzial der Truppe ist, nach vielen Monaten mühsamen Erarbeitens, beträchtlich, aber nicht durchgehend überragend.

Rap ist geil – ich leb dafür

Und dann ist da das Rappen und das rhetorische Batteln der feindlichen Gangs: „Gosse“ steht gegen die Gruppe der „Kaviarfresser“ und „reichen Spasten“. Romeo, der Kopf der Unterprivilegierten, ist von dieser Klang- und Textwelt überzeugt: „Rap ist geil und ich leb‘ auch dafür“ und außerdem ist’s „eine Frage der Ehre“. Das ist locker und manchmal auch ziemlich sexistisch, wird insgesamt aber augenzwinkernd dargeboten und akzeptiert: „Lieber zwei Damen im Arm als zwei Arme im Darm“, erhält da unerschrockenen Beifall.

Mit einem Solo kann Mercutio (Tim Tschabrun) das Publikum überzeugen; und lustvoll rappend schleicht sich Benvolio alias Sebastian Hirschberger in die Herzen der Zuschauer.

Im Mittelpunkt stehen natürlich Julius Ferstl als Romeo und Sarah Hornung als Julia, die eine beeindruckende Leistung boten. Sie machen eindrücklich klar, dass im Mittelpunkt des Stücks auch hier die ebenso unbegreifliche wie unbezwingbare Liebe steht. Da sind sie nah an Shakespeare.

Als Barkeeper spielt WeG-Theaterpädagoge Marco Grasa eine wichtige, herzenszusammenführende Rolle, deren Pendant im O-Stück von Franziskanerpater Lorenzo gestellt wird.

Am Ende: Tod

Kurz vor Schluss droht die Inszenierung noch zu kippen, als die Kellnerin der „Verona-Bar“ (Marina del Corvo) spürbar zu lange über ihre von Romeo verschmähte Liebe referiert. Da droht die inhaltsbestimmende Symmetrie zwischen Romeo und Julia, den Montagues und den Capulets, zu kippen, trotz aller stimulierender Hintergrundsmusik.

Doch das sehr überraschende und auch hier für die beiden titelgebenden Figuren letale Ende vermag das wieder auszugleichen.

Tobias Göttl und sein sechsköpfiges Regieteam sind zu beglückwünschen. Da ist, in mühsamer Gruppenarbeit, etwas gewachsen, was ganz eigenständige Qualitäten ausbilden konnte: Eine umfassend junge Inszenierung eines über 400 Jahre alten Stückes mit sprachlichen Widersprüchlichkeiten und Grobheiten, die aber konzeptionell stimmig und nicht schmerzhaft waren. Und mit allerlei Kunstgriffen (etwa einer Dreifach-Projektion), die holzschnittartiges Agieren an anderer Stelle mehr als ausglichen.

Wesentlich: Das Zuschauen und Zuhören hat großen Spaß gemacht.

Info: „Romeo und Julia“ wird noch zweimal aufgeführt. Für die Vorstellung am Mittwoch, 20. August, 20 Uhr, im Café Swing gibt’s noch Karten im Ticketshop des Pressehauses. // Text: Manfred Allenhöfer

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