Alterssimulationsanzug: Plötzlich Seniorin?!

Altwerden ist ein langsamer Prozess, der Körper, Sinne und Geist Schritt für Schritt beeinträchtigt. Durch die große Zeitspanne nimmt der Mensch den Verfall seiner Fähigkeiten jedoch nicht so stark wahr und gewöhnt sich langsam daran. Wie aber ergeht es einem jungen Menschen, dessen Körper plötzlich um mehrere Jahrzehnte altert? Und wie schafft er es, seinen bisherigen Alltag zu meistern? Mit Hilfe eines „Alterssimulationsanzugs“ habe ich dieses Experiment gewagt.

Das Unternehmen „Produkt + Projekt“ aus Niederstotzingen stellt die besagten Anzüge her. Durch verschiedene Gewichte an Armen, Beinen und Oberkörper wird der Muskelverfall simuliert, Handschuhe verschlechtern das Tast- und Greifvermögen, Gehörschutz und Brille ahmen den Verlust des Hör- und Sehsinns nach, zudem verdeutlichen Überschuhe die Gangunsicherheit. Durch all diese Komponenten wirkt der Körper um mehrere Dekaden älter. Ich selbst bin 18 Jahre alt und habe versucht, meinen Alltag als Seniorin zu meistern.

Ein langer, mühseliger Morgen

Es ist 9 Uhr und schon das Aufstehen aus dem Bett wird zu einer großen Herausforderung. Die Gewichte ziehen mich stark nach unten und ermöglichen es mir nur mit großer Mühe, mich wie gewohnt aus der Rückenlage heraus aus dem Bett zu erheben. Auch das anstehende Frühstück ist schwerer als gedacht: Durch die Brille ist mein Sichtfeld nach unten eingeschränkt und so sehe ich mein Frühstück gar nicht richtig. Außerdem bewirkt sie, dass alles um mich herum sehr farblos und trüb aussieht. Aufgrund der Handschuhe und der Brille ist es mir nur schwer möglich, meine Zeitung zu lesen und gar umzublättern. Sogar das Einräumen in die Spülmaschine ist sehr mühselig. Wieder erschweren mir das eingeschränkte Sichtfeld und mein unsicherer Stand das Einräumen des Geschirrs.

Nach dem Frühstück geht es für mich ins Badezimmer: Beim Zähneputzen landet mehr Zahnpasta im Waschbecken als auf der Zahnbürste und da das Frisieren durch die Gewichte an den Armen so viel Kraft und Zeit beansprucht, entschließe ich mich, meine Haare heute einfach offen zu tragen. Danach brauche ich erstmal eine Pause. Mir war nie bewusst, wie viel Kraft alte Menschen benötigen, um ein paar einfache Dinge wie Essen oder Haare kämmen zu erledigen. Dazu kommen die Schmerzen, welche häufig dabei auftreten und die ich selbst bei meinem Experiment gar nicht erlebt habe. Deshalb habe ich schon jetzt, nach noch nicht mal einem halben Tag in dem Alterssimulationsanzug, großen Respekt vor meinen Großeltern.

Nach meiner kurzen Pause entscheide ich mich dazu, mein Experiment etwas zu verschärfen: Zu dem normalen Alterssimulationsanzug, welcher das gesunde Altern nachahmt und welchen ich bis jetzt getragen habe, gibt es noch einige Erweiterungen. Diese können verschiedene Krankheiten wie beispielsweise Tinnitus, Alterszittern oder diverse Augenkrankheiten simulieren, welche häufig im Alter auftreten. Da ich noch einige Dinge am Laptop erledigen muss, beschließe ich, den Tremor-Simulator zu testen. Durch Handschuhe, welche leichte Stromimpulse durch meine Hände leiten, beginnen meine Hände unkontrolliert zu zittern und es ist mir kaum möglich, die Buchstaben auf der Tastatur zu treffen. Auch das klassische Schreiben mit Stift und Papier ist sehr mühselig und das daraus resultierende Ergebnis nicht wirklich zufriedenstellend.

Weniger Spaß am Essen

Beim Mittagessen behindert mich das Zittern ebenfalls beim Essen und Trinken. Ich muss mich sehr konzentrieren, das Essen überhaupt zu treffen und anschließend in meinen Mund zu befördern. Dazu kommen erneut mein eingeschränktes Sichtfeld und die Gewichte am Arm, die jede Bewegung erschweren. Zudem kann ich meine Familie aufgrund des Gehörschutzes viel schlechter hören. Außerdem wirkt mein Essen durch die Trübung der Brille nicht so ansprechend wie sonst. Alle Faktoren zusammen bewirken, dass ich viel weniger esse als an allen anderen Tagen und das Mittagessen auch weniger Spaß macht als sonst. So langsam wird mir klar, warum es in vielen Restaurants Seniorenteller gibt.

Nach dem Mittagessen gönne ich mir erneut eine Pause und nehme mein Smartphone zur Hand. Wie zu erwarten ist die Bedienung durch das Zittern schier unmöglich. Durch die Brille sind Farbunterschiede oft nicht richtig zu erkennen, gerade helle Farben wie Gelb und Weiß sind schwer zu unterscheiden. Auch die Smartphone-Nutzung ist also eingeschränkt und macht weniger Spaß. Da ich eigentlich ein Mensch bin, der viel Sport treibt und es bekannt ist, dass sich auch alte Leute ausreichend bewegen müssen, ziehe ich nach meiner kurzen Pause die Zitter-Handschuhe aus und bewege mich etwas. Normales Gehen und Treppensteigen wirken durch die vielen Gewichte wie ein Fitnessprogramm, außerdem muss ich mich beim Treppensteigen immer an dem Handlauf festhalten, um zum einen nicht das Gleichgewicht zu verlieren, und zum anderen, um mich hinaufzuziehen. Dementsprechend erschöpft bin ich dann auch nach einiger Zeit.

Trotzdem beschließe ich, auch das Fahrradfahren mit dem Alterssimulationsanzug zu testen, da bekanntlich viele Senioren im Besitz eines E-Bikes sind. Jedoch wird mir schon beim Aufsteigen auf mein Mountainbike klar, dass das kein einfaches Vorhaben ist. Die größte Herausforderung ist, das Gleichgewicht zu halten, sowohl beim Aufsteigen als auch beim Fahren. Die Gewichte, welche mich bei den anderen Aktivitäten verhindert haben, sind eher Nebensache. Meine größte Angst ist mit meinem Fahrrad umzufallen und auf dem Boden zu liegen, von dem ich nur sehr schwer wiederaufkomme. Jedoch wird mir bewusst, dass das nicht der einzige Grund ist, warum sich alte Menschen generell nur wenig bewegen. Ein weiterer, und viel größerer Faktor ist das hohe Verletzungsrisiko bei solchen Stürzen, bei denen sich alte Menschen aufgrund der geringeren Knochendichte häufig Brüche zuziehen. Und wer einmal einen solchen Sturz erlebt hat, der hat Angst vor weiteren Verletzungen und lässt den Sport viel eher bleiben. Dabei ist es sehr wichtig, Sport zu treiben und aktiv zu sein. Denn wer den Muskelschwund verhindern möchte, der in der Regel zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr einsetzt, kann dies nur durch regelmäßige sportliche Aktivität tun. Dadurch bleibt man auch im Alter fitter und dynamischer und beugt Krankheiten vor.

Mehr Respekt vor Senioren

Nach einer erneuten Pause, die ich in meinem Sitzsack verbringe, aus dem ich am Ende ohne Hilfe nicht mehr aufkomme, spiele ich mit meinem kleinen Bruder. Durch die Handschuhe fällt es mir sehr schwer, die kleinen Legoteile zu greifen und sie aneinanderzubauen. Zudem kann ich einige Farben aufgrund der Brille nur schwer unterscheiden. Und natürlich auch das Aufstehen vom Boden ist um einiges anstrengender als sonst.

Erschöpft vom Tag beschließe ich, das Experiment zu beenden und den Anzug auszuziehen. Ich bin so erleichtert, als ich die Brille abnehmen darf und die Welt um mich herum wieder farbig ist, ich ohne den Gehörschutz wieder richtig hören kann und mich vor allem ohne die Gewichte wieder leicht fühle. Erst jetzt bin ich einmal so richtig dankbar, dass ich noch so jung und fit bin. Trotzdem wird mir schnell klar, dass das vermutlich noch nicht die „höchste Stufe“ des Alterns war. Immerhin habe ich weder die Schmerzen noch die geistigen Beeinträchtigungen gespürt, die bei älteren Menschen häufig auftreten.

Nichtsdestotrotz konnte ich mir ein gutes Bild vom Alt sein machen und habe nun ein viel größeres Verständnis und vor allem mehr Respekt vor Senioren. Ich kann mir vorstellen, wie anstrengend und teilweise auch schmerzhaft es ist, Dinge aus dem obersten oder untersten Regal im Supermarkt zu holen, schwere Gegenstände lange zu halten, oder weite Wege zu laufen. Deshalb finde ich es beeindruckend, wie selbstständig viele Senioren noch sind, obwohl ihnen viele Tätigkeiten wahrscheinlich sehr schwerfallen. Damit ich dies auch noch im hohen Alter von mir behaupten kann, habe ich mir fest vorgenommen, aktiv und sportlich zu bleiben, um Krankheiten vorzubeugen und den unausweichlichen Alterungsprozess zu verlangsamen.

Fotos: Brigitte Gessler

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