Expedition ins Tropfstein-Paradies

Selbstbewusst baut sich Max Kübler vor der Menschenmenge auf: „So, hallo erstmal. Ich bin der Höhlenführer Max.“ Zu Beginn legt der 14-Jährige ein paar Regeln fest: Tropfsteine anfassen ist verboten, denn durch Kontakt mit der Haut können die Gebilde nicht mehr weiterwachsen. Und Fotografieren, darum bittet Max, sollen die Besucher nur auf dem Rückweg der Führung.

Vor Leuten frei zu sprechen fällt dem jungen Mann nicht schwer. Schließlich führt er seit inzwischen einem Jahr regelmäßig ganze Scharen an Besuchern durch die Charlottenhöhle in Hürben. Als Kind hat der Burgberger selbst oft die Höhle besucht, 2018 kam er dann über eine Bekannte zum Höhlen- und Heimatverein. Früher habe er einfach nur Interesse an Höhlen gehabt, „inzwischen ist es zur Leidenschaft geworden“, erzählt Max.

Junge Höhlenführer sind in Hürben keine Ausnahme: Bereits ab zwölf Jahren kann man Besucher durch die längste begehbare Tropfsteinhöhle der Schwäbischen Alb lotsen. Am Anfang begleiten die „Frischlinge“ zwei Wochen lang erfahrenere Höhlenführer bei deren Touren und machen sich mit der Geschichte der Charlottenhöhle vertraut. Danach sind die Jugendlichen bereit für die Abnahme, bei der sie zum ersten Mal selber eine Führung übernehmen. Wer sich dabei gut anstellt, darf sich fortan offiziell Höhlenführer nennen.

Ein bisschen Fantasie

Mit rund 30 Menschen betritt Max die Charlottenhöhle. Immer wieder macht er auf dem 532 Meter langen Pfad halt und erzählt von der Geschichte der Höhle und den Mythen, die sich um sie ranken. „Jetzt kommen wir in den Königssaal“, erklärt der junge Höhlenführer. „Hier müssen Sie etwas Fantasie einsetzen.“ Und tatsächlich, mit ein wenig Vorstellungskraft verwandeln sich Stalaktiten und Stalagmiten vor den eigenen Augen in Königskronen und Hofgefolge.

„Bei der ersten Führung ist man noch nervös, aber nach fünf bis zehn Stück macht man das ganz locker“, findet Max. Meistens arbeitet er in den Ferien und manchmal auch an den Wochenenden. Acht Euro bekommt der 14-Jährige für eine Führung, im Monat verdient er beim Höhlen- und Heimatverein bis zu 450 Euro.

Viele der Höhlenführer bleiben dem Verein lange Zeit erhalten. Der 29-jährige Timo Ludwig ist bereits seit 14 Jahren dabei. Inzwischen ist der gebürtige Burgberger auch als Höhlenforscher bei Grabungsarbeiten aktiv. Im Gegensatz zu den eher „fantasielastigen“ Führungen seiner Kollegen setzt Timo in der Charlottenhöhle daher auf geologische Fakten. „Jeder erzählt ein bisschen was anderes“, fasst der 29-Jährige zusammen. „Das ist ja auch das Gute und Interessante dabei.“

Keine Altersgrenze nach oben

Max hat sich für eine Art der Führung entschieden, die die Fantasie anregt. Die vielen kleinen Kinder freuen sich: Auf dem Rückweg dürfen sie alle den „Seehund“ streicheln – einen schneeweißen Tropfstein, der aus dem Boden herauswächst. Auch die Eltern sind begeistert. Zum Abschluss erhält Max nicht nur viel Applaus, sondern auch ein wenig Trinkgeld.

Lob gibt es nicht nur von den Besuchern. Auch Eckhard Baschin vom Höhlen- und Heimatverein zeigt sich voller Stolz: „Ich bin so fasziniert von den jungen Leuten, die da mit 14 Jahren vor all den Leuten stehen.“ Im Übrigen gebe es keine Altersgrenze nach oben – der älteste Höhlenführer der Charlottenhöhle sei bereits 85 Jahre alt. „Man muss es nur den Berg bis zur Höhle hinauf schaffen“, meint Baschin lachend.

 

Fotos und Videos: Sabrina Balzer

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