Gemeinsam an die Grenzen

Freitagabend in Mergelstetten: Während draußen die Temperaturen langsam aber sicher sinken, wird im ersten Stock des Rough Gyms Heidenheim ungeachtet des Wetters geschwitzt. Rund 15 Kampfsportler trainieren hier zwischen Boxsäcken und Sportgeräten paarweise oder als Gruppe, dazu läuft im Hintergrund Hip-Hop. Zwei der Sportler sind Arthur und Karolina Kinn. Arthur ist 16 Jahre alt, seine Schwester Karolina ist 13. Ihre Disziplin nennt sich K-1, wie Trainer Patrick Zimmermann erklärt. Dabei handelt es sich um eine Variante des Kickboxing, das auch Elemente des Thai-Boxing übernimmt. Vereinfacht gesagt funktioniert dieser Sport wie Boxen, nur sind unter anderem auch Kicks, also Schläge mit Beinen und Füßen erlaubt.

Arthur und Karolina trainieren gemeinsam schon seit mehreren Jahren im Rough Gym, und das nicht ohne Erfolg: Zuletzt haben die Geschwister Mitte Juli an internationalen deutschen Meisterschaften in Villingen-Schwenningen teilgenommen. Je einen deutschen Vizemeistertitel haben die beiden dabei mit nach Hause gebracht.

Doch warum eigentlich Kampfsport? Die Frage beantworten die beiden Geschwister wie aus der Pistole geschossen. „Es geht um Willenskraft und darum, die eigenen Grenzen zu brechen“, erklärt Arthur. Und an seine Grenzen komme man bei diesem Sport immer wieder, ob im Training oder im Ring. Auch für Karolina geht es beim Kämpfen darum, den eigenen Willen zu bezwingen: „Man will sich beweisen, dass man das kann,“ sagt sie.

Die beiden Geschwister entwickeln im Training einigen Ehrgeiz, wie auch Trainer Zimmermann berichtet. Solange es in der Schule nicht zu stressig ist, kommen sie unter der Woche jeden Tag ins Rough Gym, am Wochenende geht es noch zu Hause mit zusätzlichen Einheiten weiter. Im Normalfall bedeutet das drei bis vier Stunden tägliches Training. Wenn es in der Vorbereitung auf einen Wettkampf zugeht, kommen die Geschwister laut Arthur aber auch schon mal auf sechs Stunden am Tag. „Die beiden nehmen die Vorbereitung wirklich ernst. Ich bin ziemlich stolz, sie trainieren zu dürfen“, sagt Patrick Zimmermann. „Aber die Schule geht natürlich trotzdem vor“, betont der Trainer. Er achte immer darauf, dass Arthur und Karolina für das Training die Schule nicht vernachlässigen.

Doch was wird eigentlich trainiert? „Natürlich sehr viel Kraft- und Ausdauertraining,“ erklärt Arthur. Dazu komme dann Boxen und Kicken, also vor allem bestimmte Schlagabfolgen, die im Training verinnerlicht werden. Wenn sie einmal sitzen, können sie im Kampf wie automatisiert abgespult werden. Besonders das intensive Fitnesstraining ist notwendig. Der Körper soll dabei lernen, in den kurzen, aber sehr anstrengenden zwei- bis dreiminütigen Runden im Ring die nötige Kraft aufzubringen.

Zum Kampfsport kamen die Kinn-Geschwister unter anderem durch ihren Vater Pawel Kinn, der früher selbst professionell geboxt hat. „Aber auch sonst waren wir schon immer eine sportliche Familie“, so Arthur. Die Kinns wohnen außerdem nicht weit vom Rough Gym, und so sei es naheliegend gewesen, sich das dortige Training einmal anzusehen.

Beim Rough Gym Heidenheim können Kinder ab acht, in Ausnahmen auch schon ab sechs Jahren mit dem Training beginnen. Das jüngste Mitglied ist derzeit sechs, das älteste 58 Jahre alt. Aktuell trainieren im Gym etwa zwanzig bis dreißig Kinder oder Jugendliche unter 14 Jahren, rund ein Drittel aller Sportler. Gerade auch für Kinder gibt es viele gute Gründe, Kampfsport zu betreiben, meint Patrick Zimmermann. So tue es den Kindern gut, sich ein- oder zweimal in der Woche so richtig auszupowern. Und: „Wir bekommen das schon mit, dass den Kindern heute oft motorisch-kognitive Fähigkeiten fehlen. Und die trainieren sie hier gleich mit“, erklärt der Trainer. Zudem stärkt das Training das Selbstbewusstsein: „Man lernt, sich selbst zu schätzen.“

Das heißt aber auf keinen Fall, dass im Rough Gym die nächsten Schulhofschläger ausgebildet werden, betont Zimmermann. „Wer sich draußen etwas leistet, der fliegt.“ Sprich: Wenn er oder seine Trainerkollegen mitbekommen, dass ein Mitglied des Gyms Schlägereien anzettelt, werden Konsequenzen gezogen. Beim Kampfsport gehe es schließlich, neben dem sportlichen Aspekt, vor allem um körperliche Fitness sowie ein gesundes Selbstbewusstsein. Und davon könnten Kinder besonders profitieren.

Und was sagen eigentlich die Schulfreunde von Arthur und Karolina zu deren Freizeitbeschäftigung? „Viele meiner Freunde finden, dass der Sport eher etwas für Männer ist“, erzählt Karolina. Doch diese Reaktion aus dem eigenen Umfeld scheint sie nicht weiter zu stören: „Ich finde das nicht. Es macht mir schließlich Spaß.“ Auch Arthurs Freunde wissen natürlich, dass er Kampfsport macht: „Da werden höchstens vielleicht mal Scherze gemacht, dass meine Freunde bei Ärger damit drohen, mich dazu zu holen.“

Aktuell bereiten sich die Geschwister und ihr Trainer auf die nächsten internationalen deutschen Meisterschaften Mitte November in Würzburg vor. Welche Chancen sieht denn der Trainer für seine Schützlinge? Patrick Zimmermann verzieht das Gesicht und grinst. „Man weiß ja vorher nicht, wie stark das Feld ist“, erklärt er. Dennoch rechnet er sich gute Chancen aus. Ziel sei natürlich klar der Meistertitel.

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