Härtsfeld meets India

Farbenfrohe und glänzende Saris, köstliche Hähnchencurrys in verschiedenen Schärfegraden sowie überall hilfsbereite Menschen, die in jeder misslichen Lage Rat anbieten. Das ist eine Seite Indiens, die Alina Schiele (25), gebürtig aus Neresheim, derzeit miterlebt. In ihrem dreimonatigen Praktikumsaufenthalt in Don-Bosco-Waisenhäusern in der südindischen Region Kerala ist sie aber auch mit Geldwäsche, einer immensen Arm-Reich-Schere sowie eigenartigen Lebensweisen konfrontiert. So hat sie sich zum Beispiel angewöhnt, die rechte Hand als Besteckersatz zu nutzen und Toilettenpapier als das wichtigste Element der Handtasche zu sehen, da die Nutzung von Toilettenpapier in ihrer Gegend scheinbar eine Seltenheit darstellt.

Viel Disziplin in der indischen Kultur

Schon über zwei Monate hat Alina hinter sich gebracht. Seit Ende September lebt sie nun bereits mit Gina Penninger aus Gera und stetig wechselnden weiteren Freiwilligen in Cochin, Kerala. Im Namen der Organisation World Unite, die sich um interkulturellen Austausch bemüht, hilft sie in zwei für circa 100 Kinder ausgelegten Kinderheimen mit. Neben üblichen Aufgaben wie der Hausaufgabenbetreuung lernt sie dort auch viel über die indische Kultur und die hierarchischen Strukturen. So überrascht sie immer wieder die Disziplin, die die Kinder an den Tag legen – Abweichungen vom strikt geregelten Tagesablauf gibt es hier nicht. Nach Schulende um 16 Uhr ist bis zur Schlafenszeit um 22 Uhr alles im Viertel-oder Halb-Stunden-Takt durchorganisiert: Tee trinken, Haushalt, Spielzeit, Duschen, Lernen, Abendessen, gemeinsames Lernen, Bett.

Alina schaut genau hin und reflektiert. Denn für ihr duales Studium in Sozialmanagement bei der Samariterstiftung Behindertenhilfe Ostalb, die ihr diesen Aufenthalt gerne genehmigt hat, könnte das auch relevant sein. „Man kann bei einem Aufenthalt im Ausland viel mehr lernen – nicht nur für die folgenden Berufsjahre, sondern auch für die Entwicklung einer starken Persönlichkeit“, sagt Alina. Diese eignet man sich in einem Entwicklungs- oder Schwellenland durchaus auch an, denn hier läuft weder alles nach Plan, noch ist man auf die vorherrschenden skurrilen Situationen eingestellt. Anfang November verkündigte zum Beispiel der Primeminister Indiens, Narendra Modi, von jetzt auf gleich alle 1000- und 500-Rupie-Scheine zu verbieten. Auf Grund der vorherrschenden Geldwäsche eigentlich eine kluge Entscheidung, doch Modi hatte sie wenig durchdacht.

Denn der Druck des neuen Geldes – 2000- und 500-Rupien-Scheine – war noch nicht sehr fortgeschritten, weshalb Bankautomaten tagelang kein Geld ausspuckten. Ebenfalls konnten die übrig gebliebenen 1000er- und 500er-Scheine nur an bestimmten Stellen getauscht werden, was zu langen Schlangen vor den Banken führte. Dazu kam, dass nur 4000 Rupie (ca. 55 €) pro Person tauschbar waren. Für Alina eine unglückliche Entscheidung, da sie wenige Tage zuvor über 20 000 Rupie abgeholt hatte. „Passiert. Aber man gewöhnt sich hier definitiv an fast alles“, sagt Alina und lacht dabei laut auf.

Kein Kulturschock, aber Lust auf Spätzle

Es ist nicht Alinas erste Erfahrung in einem Entwicklungs- oder Schwellenland. Bereits 2012 besuchte sie für ein paar Wochen eine Freundin in Tansania. „Der Schock damals war fast größer“, erzählt sie, „wobei ich auch hier natürlich vor allem zu Beginn große Schwierigkeiten hatte. Mittlerweile denke ich mir jedoch: Mensch Alina, warum bleibst du denn nicht mindestens sechs Monate hier? Drei sind zu kurz, um alles gesehen und erlebt zu haben.“ Dennoch vermisst sie natürlich auch die Heimat – vor allem die deutsche Küche.  „Ich kann es kaum erwarten wieder einen Braten mit Spätzle zu essen und einen richtig ordentlichen Kaffee zu trinken“, sagt Alina.

Bis kurz vor Weihnachten genießt sie noch die Sonne bei 32 Grad und die vielen Seiten dieser außergewöhnlichen Kultur. Dann muss sie zwar „Incredible India“ – wie sie es immer nennt –  verlassen, doch diese unglaubliche Erfahrung kann ihr keiner mehr nehmen.

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