Nix Armdrücken – Armwrestling!

Mit hochrotem Kopf stehen zwei muskelbepackte Männer in einer Backstube und versuchen, sich gegenseitig über den Tisch zu ziehen. Eine seltsame Vorstellung und ein ebenso seltsamer Anblick. Doch was die beiden machen, ist eigentlich gar nicht so seltsam. Tim Günther und Daniel Frisi trainieren. Sie sind Armwrestler und haben sich mit Leib und Seele dieser Sportart verschrieben.

Im Prinzip ist Armwrestling die in reglementierte sportliche Bahnen gelenkte Form des klassischen Armdrückens. Die ernsthaft betriebene Sportart Armwrestling wurde im Jahr 1967 mit der Gründung der World Armwrestling Federation im amerikanischen Pennsylvania auf ein solides Fundament gestellt. Mittlerweile haben sich mehr als 50 Nationen dieser Weltorganisation angeschlossen.

Daniel hat das Armwrestling bereits vor sieben Jahren für sich entdeckt. Zum einen hatte ihn der 80er-Jahre-Hollywood-Film „Over the Top“ mit Sylvester Stallone neugierig gemacht. Darin spielte auch der ehemalige Weltmeister im Armdrücken, Rick Zumwalt, mit. „2010 hab‘ ich dann mit dem Fußball aufgehört, aber so ein gewisses Konkurrenzdenken war immer noch da. Ich wollte irgendwas machen. Irgendwann war ich als Zuschauer auf einem Armwrestling-Turnier in Mannheim und total begeistert von dem Sport“, erzählt der 39-Jährige.

Der Film für alle Armwrestler: Over the Top

Ähnlich erging es dem 33-jährigen Tim, der übrigens gemeinsam mit seinem Bruder eine Bäckerei in Gerstetten führt – deshalb auch die eingangs erwähnte Backstube. „Ich bin ein Kind der 80er und ich wollte immer mal Armwrestling machen, so wie in ,Over the Top‘. Bin dann auch irgendwann zu einer Veranstaltung in die Schweiz und habe da zum ersten Mal zugeschaut und mitgemacht.“

Denn bei solchen Turnieren können interessierte Zuschauer einfach aktiv werden. Daniel erzählt: „Ich stand plötzlich mit einem 60-Kilo-Mann am Tisch. Ich hab‘ gedrückt wie ein Irrer und der Typ meinte: ,Jetzt bist du ja warm, also drück‘ stärker.‘ Aber ich konnte da schon nicht mehr.“ Das beeindruckte Daniel Frisi nachhaltig: „Das Äußere hat beim Armwrestling gar nichts zu sagen. Oft täuscht der erste Eindruck. Der Mann war so klein und doch so stark.“

Am Anfang muss man sich laut Daniel und Tim damit abfinden, dass man verliert. „Viele sind dann nach den ersten Kämpfen enttäuscht und hören auf. Aber man muss einfach dranbleiben und irgendwann gewinnt man auch. Man muss einfach Bock haben. Ohne viel Leidenschaft hat man da keine Chance.“

Der Tisch ist das wichtigste Gerät

Doch Leidenschaft haben sie beide. Tim, der das Armwrestling erst seit November 2016 betreibt, hat Daniel als seinen Trainer auserkoren. Sie powern sich alle zwei Wochen gemeinsam an Daniels Tisch aus: „Das ist das wichtigste Trainingsgerät. Und ich glaub‘, im Umkreis von 100 bis 130 Kilometern ist meiner der einzige.“ Gekauft hat er ihn vier Wochen nach seinen ersten Armwrestling-Erfahrungen. „Hat damals 450 Euro gekostet.“ Die Farben Grün, Weiß und Rot symbolisieren die italienische Flagge. „Mein Papa ist Italiener“, erklärt der Essinger.

Bevor jedoch an diesem 1,10 Meter hohen Tisch gekämpft wird, ist Aufwärmen angesagt. „Man macht alle Bewegungen wie beim Kampf, aber nur mit zehn Prozent Kraft“, erklärt Daniel. „Wenn man nicht warm ist, traut man sich auch nicht, richtig reinzugehen. So geht es mir zumindest.“ Tim nickt zustimmend. Danach kann es losgehen. Gekämpft wird im Stehen, weil dadurch die Dynamik wesentlich größer ist, und wahlweise mit Links oder mit Rechts. Die freien Hände umfassen einen Haltegriff am Tischrand. „Den darf man während des Kampfs nicht mehr loslassen. Und der Ellenbogen darf das Polster nicht verlassen“, erklärt Tim.

Center of the Table, Hook und Top Roll

Die kämpfenden Hände der Gegner müssen sich über der Mitte des Tisches (Center of the Table) befinden, die Handgelenke beider Wettkämpfer müssen vor dem Start gerade sein, die Schultern müssen vor dem Start parallel zum Tisch stehen. „Da schauen die Schiedsrichter immer ganz genau drauf“, so Daniel. Wenn der Kampf nach den Signalen „ready“ und „go“ begonnen hat, dürfen sich die Gegner freier bewegen. „Gewonnen hat dann derjenige, der den Arm des anderen zuerst auf das zweite Polster bringt. Ach ja, und wenn man zwei Fouls macht, also eben zum Beispiel den Ellbogen vom Polster löst, hat man den Kampf verloren.“

Daniel betont immer und immer wieder: „Nie drücken, sondern ziehen.“ Obwohl man den Sport auch als Armdrücken kennt, sei das Drücken genau die falsche Bewegung. Dabei könne ein Knochen einfach durchbrechen. Beim Ziehen hingegen entgehe man dieser Gefahr. „Die beste Technik ist Power“, so Daniel. Aber natürlich gibt es auch Grundtechniken wie den Hook (Haken), bei dem über den Bizeps gearbeitet wird, und die Top Roll, bei der mit Hand und Fingern über die Spitze gerollt wird.

Das Armwrestling hat sogar mittlerweile so viele Anhänger, dass es Welt-, Europa- und deutsche Meisterschaften gibt. Außerdem gibt es Vereine, die Turniere und Wettkämpfe austragen. „Ich bin bei den Pulldogs Heilbronn, das ist von uns aus hier der nächste Verein. Da gibt’s alle zwei bis drei Monate mal ein Turnier“, sagt Daniel. Professionelle Wettkämpfe werden in verschiedenen Gewichtsklassen nach dem sogenannten Double-Elimination-System ausgetragen, das heißt, der Armwrestler scheidet erst nach zwei Niederlagen aus.

Jeder braucht einen Wettkampfnamen

Daniels größter Erfolg bisher war ein vierter Platz bei der deutschen Meisterschaft. Tims bestes Ergebnis war Platz drei bei den Swiss Open als Newcomer. „Das hat er echt super gemacht“, lobt ihn sein Trainer. Beide haben Wettkampfnamen: Daniel ist „Freezer“ und Tim „Tim the Ram“. „Also meiner kommt noch vom Fußball. Ich heiße ja Frisi mit Nachnamen und irgendjemand meinte dann: „Du bist so cool wie gefrorenes Eis“, also war ich von da an Freezer. Bei einem Armwrestling-Turnier wollte dann ein Kampfrichter wissen, was mein Wettkampf-Name ist, also hab‘ ich halt Freezer gesagt“, erklärt Daniel. „Meiner kommt aus dem Film ,The Wrestler‘ von der Hauptfigur Randy the Ram. Ich hab‘ mich irgendwann auf Instagram angemeldet und mir fiel nichts Besseres ein. Jetzt hab‘ ich sogar ein T-Shirt mit dem Namen“, sagt Tim stolz.

Kennengelernt haben sich die beiden übrigens über Facebook. Daniel klärt auf: „Ich hab‘ irgendeinen Armwrestling-Beitrag kommentiert und Tim hat das geliked. Es war eigentlich was völlig Banales und deshalb wollte ich wissen, wer sowas gut findet.“ Dann habe er ein Foto von Tim beim Armwrestling gesehen und entdeckt, dass er aus Heidenheim kommt. „Hab‘ ihn gleich angeschrieben und er ist mal zu mir ins Training gekommen. Seitdem läuft das.“

Tim hat allerdings nicht nur ein nicht ganz alltägliches Hobby, beruflich macht er derzeit auch noch eine ziemlich spezielle Ausbildung: Der Gerstetter Bäckermeister will Brot-Sommelier werden.

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