Poetry Slam: Große Gefühle auf der Bühne

Fünf Minuten. Mehr Zeit hat Laura Gommel nicht, um das Publikum von sich zu überzeugen. Alle Blicke sind gespannt auf sie gerichtet. Alle wollen hören, was sie zu sagen hat. Und Laura Gommel legt los: Sie spricht über Sexismus, über Frauenrechte, erzählt von ihrem Opa oder den großen Fragen des Lebens.

Laura Gommel ist Poetry-Slammerin. Seit sie 16 ist, steht sie auf der Bühne und trägt selbstgeschriebene Texte vor. Das macht sie nicht, weil sie sich selbst so gerne reden hört – sondern weil sie schon immer gern geschrieben hat. „Eigentlich aber nur im Geheimen und für mich“, sagt die 21-Jährige aus Gerstetten. Doch irgendwann hat sie sich selbst herausgefordert – und kurzerhand für einen Poetry Slam im Café Swing in Heidenheim angemeldet.

Bis zum Hals klopfte ihr das Herz damals vor ihrem allerersten Auftritt. „Ich war mega aufgeregt“, sagt sie. Poetry Slams kannte sie bis dahin selbst nur aus Youtube-Videos. Und keinem ihrer Freunde hatte sie zuvor überhaupt je von ihrer Leidenschaft fürs Schreiben erzählt. „Es war, als würde ich ihnen aus meinem Tagebuch vorlesen“, meint Laura.

Bis heute sind die Texte, die sie vorträgt, stets sehr persönlich und meist ernst: „Lustig kann ich eher nicht“, meint sie. Bei ihren Auftritten geht es ihr darum, eine Botschaftrüberzubringen – „und selten hören einem die Leute so aufmerksam zu, wie wenn man auf der Bühne steht.“

2014 stand Laura das erste Mal auf der Bühne im Café Swing in Heidenheim. Damals war sie 16 – und das Herz schlug ihr vor dem Auftritt bis zum Hals. (Foto: Stefanie Kirsamer)

Mit jedem Auftritt lässt Laura ihre Zuhörer ein bisschen in sich hineinblicken – daran teilhaben, was sie denkt, was sie fühlt. Und mittlerweile ist die ganz große Aufregung wie damals vor ihrem allerersten Auftritt verflogen. Laura geht es beim Slammen auch nicht mehr darum, eine Herausforderung zu meistern. Denn auf der Bühne zu stehen sei mittlerweile nicht mehr schlimm: Die große Angst, plötzlich einen Blackout zu haben oder dass der eigene Text nicht gut beim Publikum ankommt, habe irgendwann nachgelassen. „Trotzdem schlägt mein Herz direkt vor einem Auftritt immer ein bisschen schneller und oft frage ich mich dann: „Oh Gott, warum tue ich mir das eigentlich an?“, sagt die 21-Jährige und lacht. Kurz vor einem Auftritt nimmt sich Laura darum immer einen Moment, in dem sie sich ganz auf sich selbst konzentriert, zur Ruhe kommt. Ganz missen möchte sie die Aufregung außerdem auch nicht: „Wenn man das gar nicht mehr hat, ist das Gefühl danach auch nicht mehr so gut.“

Den Zuhörern einen Text ins Gesicht schlagen

Poetry Slam ist mehr, als einen Text vor Publikum vorzutragen: Vielmehr ist es eine Performance, in der es auch um Selbstinszenierung geht. Nicht umsonst heißt der Dichterwettstreit auf Englisch schließlich Poetry Slam: „poetry“ bedeutet Lyrik oder Dichtung, und „slam“ steht dafür, dass diese dem Publikum regelrecht ins Gesicht „geschlagen“ wird. „Es geht darum, ein Gefühl aufzubauen“, beschreibt es Laura. Und es sei wahnsinnig schön zu merken, wenn die eigenen Gedanken plötzlich vollkommen fremde Menschen berühren und zum Nachdenken anregen.

Slammen ist für Laura heute mehr als ein Hobby: Nach ihren ersten Auftritten im Café Swing in Heidenheim sei Moderator Johannes „Hanz“ Elster damals auf sie zugekommen. „Er sagte, ihm gefällt, was ich mache. Seitdem bin ich öfters auf seinen Veranstaltungen aufgetreten und er hat mich weiterempfohlen“, sagt Laura. Mittlerweile stand sie bereits in Aachen, Stuttgart und Ludwigsburg auf der Bühne  – im Prinzip im ganzen süddeutschen Raum. Dementsprechend viel ist die 21-Jährige auch unterwegs, denn fast jede Woche steht sie woanders auf der Bühne. Und aus der persönlichen Herausforderung wurde mit der Zeit ein Nebenjob, mit dem sie neben dem Lehramtsstudium ein wenig Geld verdient: Mitunter wird Laura von Veranstaltern angefragt, ob sie nicht zu diesem oder jenem Thema einen Beitrag performen möchte. Für sie ist es der beste Nebenjob der Welt: „Denn es fühlt sich nicht wie Arbeit an.“ Dabei steckt genau davon in jedem ihrer Texte eine ganze Menge – mehr, als die fünf Minuten auf der Bühne erahnen lassen.

Mittlerweile ist Slammen für Laura keine Mutprobe mehr, sondern ein Nebenjob. (Foto: Karin Hiller)

Ums gewinnen geht es gar nicht

Dadurch, dass Laura sich als Künstlerin weiterentwickelt hat, haben sich ihre Texte ein Stück weit verändert: „Früher habe ich nur für mich geschrieben, heute schreibe ich vor allem für die Bühne“, sagt sie.

Mittlerweile gibt es Künstler, die von ihrem Verdienst als Poetry Slammer leben können. Doch Laura will gar nicht, dass es bei ihr mehr wird als ein Nebenjob: „Wenn ich vom Schreiben finanziell abhängig bin, könnte es zum Zwang werden.“ Und dafür schreibe sie einfach zu gern.

Viel wichtiger als der Verdienst beim Slammen sind ihr allerdings die Themen, zu denen Beiträge von ihr angefragt werden. Nur, wenn sie auch etwas zu sagen hat, nimmt die Studentin an Veranstaltungen teil. Um am liebsten ist Laura der klassische Wettstreit auf der Bühne mit einer offenen Liste: Jeder kann teilnehmen und alle Teilnehmer stehen untereinander im Wettbewerb. Gewinnen ist dabei jedoch nicht das Wichtigste: „Es geht ja schließlich in der Regel um nichts“, sagt Laura. Dafür trifft sie immer wieder auf die selben Leute, denn so groß ist die Szene nicht – die „Slammely“, wie sich die Künstler untereinander nennen. Und die sind mittlerweile zu Freunden geworden, mit denen man nach dem Wettbewerb auch mal bei einem Bier über die Texte diskutiert.

Drei Mal hat Laura seit Beginn ihrer Laufbahn als Poetry-Slammerin bereits an den baden-württembergischen Meisterschaften teilgenommen: Im vergangenen Jahr schaffte sie es dabei sogar bis ins Finale. Und obwohl sie mittlerweile schon auf so vielen Bühnen stand, tritt sie immer noch gerne in Heidenheim im Swing auf: „Hier können die Leute gut zuhören, aber auch richtig abgehen. Die Stimmung ist immer super.“

 

Poetry Slam: So geht’s

Was man als Poetry Slammer mitbringen sollte? „Sprachgefühl, ein Gespür für Worte und Rhythmus und für die Stimmung im Publikum“, sagt Laura Gommel. Wer schon fertige Texte zu Hause in der Schublade liegen hat, sollte am besten gar nicht lange nachdenken und sich am besten einfach anmelden. Ansonsten: „Überlegen, was man eigentlich sagen will und sich mit Freunden darüber unterhalten.“

Bei Poetry Slam selbst, wie sie regelmäßig im Café Swing in Heidenheim und am 16. Juli im Naturtheater stattfinden, treten die angemeldeten Teilnehmer nacheinander auf und gegeneinander an. Wer den lautesten Applaus vom Publikum erntet, gewinnt.

 

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