Segelfliegen: Die totale Ruhe über den Wolken

„Fliegen ist einfach genial“, sagt Daniel Schmid mit funkelnden Augen. Der 18-Jährige versucht, seine Faszination, das Segelfliegen, in Worte zu fassen: „Da oben herrscht die totale Ruhe – kein Motor, der Krach macht. Und man kann fliegen wie ein Vogel.“ Hinzu kommt, dass sich der Neenstetter auf dem Flugplatz des FSV Gerstetten pudelwohl fühlt. Der Verein, in dem er als Jugendleiter fungiert, ist für Daniel wie eine zweite Familie. „Das liegt auch daran, dass man schon jung große Verantwortung übernehmen darf. Ich mein, man hat noch nicht mal einen Mofaführerschein in der Tasche und fliegt ein nagelneues, sauteures Segelflugzeug.“ Das zeugt von Vertrauen.

Angefangen mit dem Segelfliegen hat Daniel mit 14. „Ich hab’ schon als kleines Kind immer die Flugzeuge am Himmel beobachtet und mich gefragt, wie’s wäre, wenn ich drinsitzen würde.“ Zur Konfirmation bekam er von seinen Eltern einen Papierflieger geschenkt – symbolisch fürs Segelfliegen – gespickt mit einem Gutschein für drei Schnupperstunden. Die Idee dazu stammte von Daniels Vater, da einer seiner Kollegen selbst Fluglehrer ist. „Den Gutschein hab’ ich dann eingelöst und Blut geleckt. Seitdem bin ich dabei.“

Der erste Alleinflug

An seinen ersten großen Moment denkt Daniel gerne zurück: „Ich hab’ ein Schnupperjahr gemacht und dann auch recht schnell meinen ersten Alleinflug. Das war ein tolles Gefühlt. Ich hatte zwar viel Respekt davor und musste auch kurz schlucken, weil einfach keiner mehr mit einem im Flugzeug sitzt und sagt, was man tun muss. Aber man hat es vorher so oft gemacht und weiß, dass man’s kann.“

Mittlerweile hat der 18-Jährige etwa 450 Flüge absolviert. „Noch nicht besonders viel“, wie er selber sagt. „Außerdem bin ich dieses Jahr noch nicht so viel zum Fliegen gekommen, weil ich mein Abi gemacht habe.“ Im Jahr 2017 waren es rund 50 Flugstunden und 120 Starts: „So viel und so oft wie möglich.“

Daniel schwärmt: „Hier auf der Alb ist die Thermik sehr gut. Wie eine Rennstrecke. Und man kann schon so um die 1000 Kilometer schaffen.“ Der 18-Jährige selbst ist eher „nicht so der große Streckenflieger“, aber für 2018 hat er sich zumindest vorgenommen, längere Strecken zu fliegen, „so um die 300 Kilometer“. „Momentan sind es um die 170 Kilometer, also noch so im Vorgarten rum“, witzelt der Neenstetter.

Hochleistungs-Segelflugzeug

Grundsätzlich wird in Gerstetten gestartet, weil hier der Flugzeugpark steht, den die Mitglieder des Vereins benutzen dürfen. „Man kann aus sechs Flugzeugen wählen. Die werden Stück für Stück immer leistungsfähiger und damit auch anspruchsvoller für den Piloten. Daniel ist jetzt auf der vorletzten Stufe angekommen und darf den Duo-Discus fliegen. „Unser momentan hochwertigstes Flugzeug ist die LS8 neo, ein einsitziges Hochleistungs-Segelflugzeug mit modernsten Instrumenten und tollen Flugeigenschaften. Ich freu mich drauf, wenn ich’s fliegen darf. Es hat großes Potenzial, mein Lieblingsflugzeug zu werden.“

Grundsätzlich, so Daniel, hat jedes Flugzeug seine Eigenheiten und deshalb braucht man auch für jedes auf Neue eine Einweisung. „Dann setzt man sich rein und testet es aus, auch die Grenzzustände.“ Das Unfallrisiko ist laut Daniel sehr gering: „Eigentlich fast null. Jeder hier weiß, was er tut und beherrscht sein Flugzeug. Wenn man die Regeln beachtet und oft trainiert, sollte nichts schief gehen.“

Der Klassiker der potentiellen Gefahren ist das Trudeln. „Das kommt ziemlich überraschend“, sagt Daniel. „Wenn man keinen Auftrieb mehr hat, kommt es zum Strömungsabriss, dann wackelt’s und man wird durchgeschüttelt. Dann muss die Nase runter, sodass man wieder Fahrt aufnimmt.“ Natürlich werde einem im Training gezeigt, wie man da wieder rauskommt. „Allgemein übt man oft, um jede potentiell riskante Situation zu bewältigen. Das ist zwar zeitintensiv, aber nur so bleibt man sicher.“

Mindestens vier Helfer für den Start

Zum Training braucht man nicht nur Zeit, sondern auch Helfer. „Damit ein Flugschüler in die Luft gehen kann, braucht man mindestens vier weitere Personen“, so Daniel. „Einen, der die Seilwinde bedient, einen Flugleiter und einen Fluglehrer.“ Der letzte im Bunde darf den Lepo fahren, also das Rückholfahrzeug, mit dem das Startwindenseil ausgezogen wird. Denn gestartet wird mit Hilfe der Winde. Das Seil wird quer über den Flugplatz gespannt und dann wird angezogen, bis der Segelflieger abhebt.

Aber Fliegen ist nicht gleich Fliegen. „Der Gebirgsflug ist nochmal deutlich anspruchsvoller“, sagt Daniel. Doch auch den hat er schon ausprobieren dürfen. „Ich hatte das Glück, bei einem speziellen Lehrgang von Janik Eggler dabei zu sein“, erklärt er stolz. Eggler trainiert und coacht seit 20 Jahren Führungspersönlichkeiten und Teams, seit 30 Jahren ist er Pilot und Kunstflieger, sowie Fluglehrer und Ausbilder von Motor- und Segelflugzeugpiloten. „Er gibt eben auch für Jugendleiter solche Seminare und auf so einem war ich. Dann hab’ ich ihn letztes Jahr auf der Aero-Messe in Friedrichshafen wiedergetroffen und er hat gefragt, ob ich nicht mit möchte.“

Daniel sagte sofort zu und durfte mit fünf anderen Teilnehmern aus ganz Deutschland und zwei Fluglehrern durchs Gebirge fliegen. „Wir hatten zwei Flugzeuge gemietet, so konnten jeweils drei Teilnehmer und ein Lehrer pro Flugzeug fliegen. Dann mussten wir durchwechseln, sodass jeder jeden Tag einmal einen Start üben und dann auch fliegen konnte.“ Insgesamt ging der Workshop eine Woche lang, davon konnte an sechs Tagen geflogen werden.

Durchs Gebirge fliegen ist anspruchsvoll

„Das war was ganz Neues für mich, aber eine der tollsten Erfahrungen beim Fliegen überhaupt“, erzählt Daniel begeistert. „Im Gebirge ist man viel näher am Terrain als im Flachland. Da gibt es andere Winde und starke Turbulenzen. Man fliegt da sehr schnell entlang und landschaftlich ist das echt toll.“

Weil das Fliegen seine große Leidenschaft ist, möchte er auch andere Leute davon begeistern. Als Jugendleiter liegt ihm vor allem der Segelflieger-Nachwuchs am Herzen. „Wir sind gerade dabei, unseren Jugendraum zu erweitern. Außerdem lernt man hier Auto- und LKW-Fahren, kochen, putzen, am Flugzeug zu schrauben und vieles mehr“, wirbt er. Vor allem, wenn wieder ein Fluglager stattfindet, bei dem sich 20 bis 25 Leute zum Fliegen treffen, sei viel Spaß vorprogrammiert.

Diesen will er trotz seines im Herbst beginnenden Luft- und Raumfahrtstudiums in Stuttgart nicht missen und seine Segelflieger-Familie so oft es geht besuchen. Denn Jugendleiter bleibt er weiterhin.

Wer das Segelfliegen mal ausprobieren möchte, kann jederzeit am Flugplatz an der Rüblinger Heide in Gerstetten vorbeikommen. Infos gibt es auch online unter www.fsv-gerstetten.de

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