Von nichts kommt nichts

„Ach, die sitzen doch nur mit den neuesten Smartphones herum und sind kriminell, sonst nichts!“ – Flüchtlinge rufen bei vielen Angst und Wut hervor, die Vorurteile halten sich hartnäckig, oft werden sie alle über einen Kamm geschoren. Mit Sicherheit gibt es diejenigen, über die man sich ärgern muss, es gibt aber auch andere, die seit ihrer Ankunft in Deutschland alles versuchen, um hier Anschluss zu finden und aufgenommen zu werden. Die, die hart arbeiten, um an ihr Ziel zu kommen. Kawa Mohammad gehört zu ihnen. Der 22-Jährige kommt ursprünglich aus Syrien, mittlerweile hat er die deutsche Staatsbürgerschaft. Seit 14 Jahren lebt er hier, im Herbst macht er als Frisörmeister seinen eigenen Salon auf. „Heidenheim ist meine Heimat, ich habe hier angefangen zu denken und mir Ziele zu stecken“, sagt er. Seine Familie kam damals nach Deutschland, weil sein Vater in Syrien politisch verfolgt worden ist. „Uns ging es in Syrien finanziell gut, aber mein Vater musste dort weg, er hat immer in Unsicherheit gelebt“, erzählt Kawa, den man in Heidenheim mittlerweile kennt wie einen bunten Hund. Er hat in Heidenheim einen Abschluss an der Friedrich-Voith-Schule gemacht und danach die Ausbildung zum Frisör abgeschlossen. Im Moment besucht er die Meisterschule. „Ich will mich als Vorbild zeigen, schaffen kann es jeder“, ist Kawa überzeugt. Die meisten Flüchtlinge, die in jüngerer Vergangenheit in den Kreis gekommen sind, seien vor dem Krieg geflüchtet. „Egal auf welcher Seite man steht, es ist immer die falsche“, beschreibt der 22-Jährige. Was ihn aber stört: „Viele sind gar keine Syrer gewesen und das hätte man sofort gemerkt, wenn sich ein anderer Syrer kurz mit ihnen unterhalten hätte.“

Schwer, Anschluss zu finden

Tatsächlich Syrer sind die beiden jungen Männer Abdulsalam Teifour Akrameh und Yakoub Tamas, die beide erst seit Januar 2016 in Deutschland leben. Abdul ist mit seinem ein Jahr älteren Bruder hergekommen, Tamas war mit 15 Jahren völlig allein unterwegs. Die zwei kennen zwar einander, tun sich aber ansonsten schwer, hier Anschluss zu finden. „Ich fühle mich noch nicht so wohl, die Deutschen sind uns gegenüber nicht sehr offen“, sagt Abdul und erzählt zum Beispiel von Schwierigkeiten bei der Bank, wo er anders behandelt werde als andere. Er erzählt das übrigens in sehr gut verständlichem Deutsch, wie alle der vier jungen Männer. Sie haben sich die Sprache schnell angeeignet und haben mittlerweile keinerlei Kommunikationsprobleme mehr. Bei Yakoub liegt das sicher mitunter daran, dass er bei einer deutschen Pflegefamilie in Herbrechtingen lebt. „Meine Familie hier spielt eine große Rolle für meinen Erfolg“, sagt Yakoub dankbar. Von älteren, so sagt er, habe er viel Hilfe bekommen, deutsche Freunde in seinem Alter habe er aber kaum. Seine eigene Familie hat er, seit er hier ist, nicht mehr gesehen. „Am Anfang ist das schwer, jetzt habe ich mich daran gewöhnt“, sagt er.

Einer wird Bankkaufmann, einer Krankenpfleger

Yakoub hat hier an der Westschule seinen Hauptschulabschluss absolviert und anschließend die Mittlere Reife erworben. Nächstes Jahr beginnt er eine Ausbildung zum Bankkaufmann. „Das ist mal der Anfang“, sagt er, beruflich möchte er noch höher hinaus. Bereits mitten in der Ausbildung steckt Abdul, der den Beruf des Krankenpflegers im Ostalbklinikum in Aalen erlernt und währenddessen dort im Schwesternheim wohnt. Auch er hat die Mittlere Reife erworben, anschließend gleichzeitig ein FSJ und einen Sprachkurs gemacht, ehe er seinen Ausbildungsplatz bekommen hat. Bisher gefällt es ihm, so sagt er, super gut. Am allerliebsten hätte er Medizin studiert, dafür bräuchte er aber Abitur und obendrein noch ein richtig gutes.

Noch zur Schule und zwar zum Werkgymnasium geht der 17-jährige Ion Neagu aus Moldawien. Sein Vater kam nicht wegen eines Krieges oder politischer Verfolgung nach Deutschland, sondern weil die Wirtschaftslage in seinem Heimatland so schlecht ist und er seinen Kindern eine bessere Perspektive bieten will. Ions Eltern sind beide studiert und arbeiten hier im Grunde unter ihrem Niveau auf dem Bau und in der Gastronomie, aber in erster Linie zählt für die Eltern die berufliche Zukunft des Nachwuchses. Ion ist dankbar über diese Chance und fühlt sich in Heidenheim mittlerweile richtig wohl. „Das ist meine Heimat, Moldawien ist wie Urlaub“, vergleicht er. Anfangs habe er sich schwergetan, weil er noch keine Freunde hatte, obendrein wusste er, dass er wenig Freizeit und viel zu tun haben wird, um sich hier zurechtzufinden. Auch er begann an der Westschule, wollte dort aber „einfach nur weg“.

Gleich am ersten Tag zum Gymnasium

Das Gymnasium war sein Ziel. Gleich am ersten Tag seiner Ankunft stellte er sich beim Max-Planck-Gymnasium vor, wenig später beim Hellenstein-Gymnasium. Dort musste er einen Aufnahmetest schreiben. „Die zwei Nächte davor waren die Hölle“, erinnert sich Ion. Er war gut genug für die Schule, hätte sich aber noch etwas gedulden müssen. Nicht so beim Werkgymnasium. Auch dort absolvierte er noch einen Test und durfte wenige Tage später in den Unterricht einsteigen. Momentan besucht er die zehnte Klasse und ist überglücklich dort. „Ich habe gute Noten und hänge nicht hinterher, außerdem habe ich gute Freunde von hier“, erzählt er. Beruflich will er in eine Richtung gehen, die mit Mathematik zu tun hat.

Was bis auf Kawa alle drei miteinander verbindet: Sie haben durch den Sport mit der Integration angefangen – ein guter Weg für den schwierigen Anfang.

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