Vorsicht: Glücksspiel kann süchtig machen

Verdammt schwer zu sagen, wann aus Spaß Sucht wird. Hier ein bisschen Kleingeld in die Automaten, dort ein bisschen Roulette am virtuellen Spieltisch, Gewinne sind selten, Verluste halten sich in Grenzen, machen doch viele, kein großes Ding. Monate, mitunter Jahre kann das so gehen. Aber irgendwann geht es los mit der Lügerei. Eltern, Freunde, Lebenspartner, niemand soll wissen, dass die Jagd nach dem Jackpot die Gedanken und den Alltag beherrscht. Der Süchtige baut sich eine Scheinwelt auf und ändert seinen Blick auf die Dinge: fast gewonnen statt verloren heißt es dann. Die Wirklichkeit bleibt außen vor. Auch für den Betroffenen selbst.

Ralf Herold* hat 13 Jahre lang Buch geführt. Einnahmen, Ausgaben, unterm Strich bleibt, und das ist sein großes Glück, tatsächlich eine schwarze Null stehen. Schulden hat er also keine zurückbehalten. Aber die Zahlen lügen nicht: Er hat 220 000 Euro in den Sand gesetzt, umgerechnet ein halbes Eigenheim. „Das schmerzt“, sagt der 34-jährige Heidenheimer, und dass er versucht, nicht immerzu über die Summe nachzudenken. Sein Augenmerk gilt derzeit dem Nicht-Spielen. Seit ein paar Wochen ist der Bürokaufmann Mitglied der Heidenheimer Spielsucht-Gruppe „Game Over“. Im anonymen Kreis kann hier jeder offen über sein Leben sprechen.

Gerade Jugendliche und junge Erwachsene unterschätzen die Gefahren, die in Spielhallen und Online-Kasinos lauern. Experten haben in den letzten Jahren ein zunehmendes Interesse der 16- bis 23-Jährigen am Glücksspiel ausgemacht. Auch der Prozentsatz der Spielsüchtigen in dieser Altersgruppe nimmt stetig zu, Schätzungen zufolge ist inzwischen jeder Zehnte betroffen. Auch Ralf berichtet von einem soften Einstieg in die Welt des Glücksspiels. Mit der Clique verbrachte er oft die Abende im Spielcenter, es waren junge Leute allesamt, es war just for fun. Aber bald brauchte er den Nervenkitzel. Und er wollte höhere mögliche Gewinne. Also verlegte er sein neues Hobby in die virtuelle Welt: „Die Summen, um die es an Spielautomaten geht, sind lächerlich. Online kann man aus ganz wenig ganz schnell ganz viel machen, das hat mich sehr gereizt.“

Das Zocken wurde zum Lebensinhalt. Vor acht Wochen dann der Schock. Im Internet hatte er binnen weniger Stunden 22 000 Euro Gewinn angehäuft. Doch anstatt irgendwann die Reißleine zu ziehen und sich das Geld auszahlen zu lassen, klickte er weiter, so lange, bis auch der letzte Cent verloren war. Fassungslos sei er gewesen über seine eigene Dummheit. Er starrte auf den Bildschirm. Mit einem Mal wurde ihm klar: Das war keine Dummheit mehr. Das war Ohnmacht. Das war krank.

Gedudel und Geblinke wirkt entspannend

Kopfnicken und Kopfschütteln gleichermaßen in der großen Montagabend-Runde. All diejenigen hier, die selbst mal ein Suchtproblem gehabt haben oder immer noch betroffen sind, wissen, wovon die Rede ist. Natürlich gibt es Variationen. Auf Nina Gaiser* wirkte das Gedudel und Geblinke der Automaten entspannend. Mit dem Beginn der Volljährigkeit tauschte sie Münzen gegen Balsam für die gefrustete Seele, acht lange Jahre, der nervige Alltag blieb draußen vor der Türe, der erste ernsthafte Liebeskummer auch. Margrit Fuchs, die die Selbsthilfegruppe leitet, zappelte sogar fast zwei Jahrzehnte in der Zocker-Falle, einem Konstrukt aus Adrenalin und finanziellem Ruin. Sie habe irgendwann die Blumen nicht mehr gesehen und das Interesse an ihrem Umfeld verloren, berichtet sie. Der Automat ist ja kein forderndes Gegenüber. Alles, was er verlangt, ist Geld. Dafür leistet er Gesellschaft und rund um die Uhr. Welcher Mensch kann diesem Bedürfnis schon gerecht werden?

Hannah Belter* gibt sich Mühe zu verstehen. Sie kann nachvollziehen, dass die Hoffnung auf den einen großen Gewinn des Lebens, der alles verändern wird, reizvoll ist. Wer hat nicht schon mal dieses Was-wäre-wenn-Spiel gespielt? Aber warum könne nicht spätestens dann Schluss sein mit der Zockerei, wenn der finanzielle Ruin auch für die nächsten Angehörigen in bedrohliche Nähe rücke? Zwei Beziehungen dieser Art hat sie hinter sich. Immer war sie Netz und doppelter Boden, war sie das Sparschwein, das im Notfall geschlachtet wurde. Inzwischen lebt die 46-Jährige alleine und ist erstaunt, wie gut sie mit ihrem kleinen Lohn als Gärtnerei-Mitarbeiterin zurechtkommt. Jetzt, wo sie keinen Suchtkranken mehr mit mehreren Hundert Euro pro Monat unterstützt, bleibt Geld für die schönen Dinge im Leben. Auch Nina Gaiser freut sich über Guthaben auf ihrem Girokonto. Viele Jahre trug sie all das, was sie nicht für den Lebensunterhalt brauchte, ins Spielcenter. Heute steckt die 30-Jährige den Zahltag ins Eigenheim – „das fühlt sich besser an. Ich kann mir nicht vorstellen, rückfällig zu werden. Aber gefährdet ist man für den Rest seines Lebens. Leider.“

Immer wieder gibt es Diskussionen in der Gruppe. Welches ist der richtige Weg aus der Sucht? Was bewahrt in Krisenzeiten vor einem Rückfall? In Fachkreisen ist man überzeugt: Schon eine einzige Runde Skat oder Mensch-ärgere-Dich-nicht kann jahrelange Abstinenz zunichtemachen. Ralf hält dagegen: Er verbringt nach wie vor viel Zeit am Computer. Ein Strategie-Spiel hat es ihm angetan, online wird in Teams gekämpft. Noch nie habe er daran gedacht, mal wieder sein Glück beim Glücksspiel zu versuchen, sein Kopf sei beschäftigt mit Taktikplanung, „das ist meine Ersatzdroge sozusagen“. Er grinst. Das besorgte Stirnrunzeln am Tisch beeindruckt ihn nicht.

Auch über Carolin Fischers* Alltag wird geredet. Vor zwanzig Jahren plünderte ihr Lebensgefährte unbemerkt und über Wochen hinweg ihr Sparbuch mit damals 50 000 Mark. Heute ist das Paar immer noch zusammen. Aber die Kassen sind getrennt, ihr Mann darf 50 Euro pro Monat in die Spielhalle tragen. Verlangt er am Bankschalter mehr, wird sie angerufen und um Zustimmung gebeten. „Warum machst du das mit? Und fühlt er sich da nicht bevormundet?“, wollen die Leute um Gruppenleiterin Fuchs wissen. Die Fragen sollen kein Vorwurf sein, sondern zum Nachdenken anregen. Doch die Mittvierzigerin will nicht abweichen von ihrem mühsamen und oft bedrückenden Weg. Sie führt den gemeinsamen Sohn als Grund an. Außerdem seien die Regeln gemeinsam aufgestellt worden, der Mann sei einverstanden, ein Stück weit entmündigt zu leben. Und dann dürfe man eines nicht vergessen: die Liebe.

Tatsächlich scheint Spielsucht Herzenssache zu sein. Es geht um große Gefühle wie Glück, Wut und Traurigkeit, der Verstand bleibt in den entscheidenden Situationen untätig, die Achtung vor der eigenen Person geht gleich null, Selbstvorwürfe quälen immerzu. Mann, bin ich bescheuert! Wie oft ärgerte sich Nina über die verzockten Geldscheine. Und doch kam sie immer und immer wieder zurück an die Automaten. Sie ist überzeugt: „Wer das nicht durchgemacht hat, kann das nicht nachvollziehen. Und wer sich keine Hilfe holt, wird den Absprung nie schaffen.“

*Zum Schutz der Betroffenen wurden die Namen von der Redaktion geändert.

Infos über Spielsucht

Die Heidenheimer Spielsuchtgruppe „Game Over“ lädt am Samstag, 1. Dezember, zu einer Informationsveranstaltung in die Räume der AOK an der Wilhelmstraße ein. Ein Referent vom Fachverband wird über Ursachen für und die Wege aus der Abhängigkeit sprechen. Die Veranstaltung beginnt um 9.30 Uhr, der Eintritt ist kostenlos. Übrigens: „Game Over“ trifft sich immer montags um 19 Uhr in den Räumen des Betreuten
Wohnens in der Clichy-Straße 3 in Heidenheim.

Infos auch zu Einzelgesprächen und Beratungen für Angehörige gibt es bei Margrit Fuchs unter Tel. 07324.8617 oder unter Tel. 0152.29233242.

Text: Manuela Wolf

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