Von Goethe beseelt

Der regelmäßig stattfindende Dichterwettstreit ist mittlerweile zu einem echten Geheimtipp im Heidenheimer Kultur- und Nachtleben avanciert. Die vortragenden Poeten kommen inzwischen gar aus Berlin – und aus Österreich.

Es war eine gute Mischung, die sich am Donnerstagabend im café Swing versammelt hatte. Vor der „Bühne“, die eigentlich keine solche war, wie auf dieser. Die sieben „slam poets“, die den Mut hatten, sich mit ihren Texten in sechs Minuten dem Auditorium zu präsentieren, repräsentierten nahezu alle Altersklassen und poetischen Stilrichtungen. Ob Lyrik, Storytelling oder Stand-up-Comedy in Reimform – es war ein buntes Potpourri an Werken.

Und auch die „Slammer“ hätten unterschiedlicher kaum sein können: Dem Heidenheimer Lokalmatador Martin Szegedi mangelte es sicherlich nicht an Erfahrung. In Auftritten wie auch in Jahren gerechnet. 61 Lenze zählt der nimmermüde Hobby-Poet, der 1984 Ceausescus Rumänien den Rücken kehrte.

Szegedi war es auch, der dem Publikum die „klassischste“ Lyrik offerierte. Kurze, teils aphoristische, mal nachdenkliche, öfters humorvolle, aber immer sehr persönliche Gedichte mit Titeln wie „Zurückgeblieben“ (über eine gescheiterte Liebe), oder „Gewohnheit“, das seinen Umgang mit dem künstlerischen Zaubertrank, nämlich dem Alkohol, thematisierte.

Nicht nur auf der Bühne unter Spannung

Auch über das eigene Altwerden legte der 61-jährige Poet, der als Elektriker nicht nur auf der Bühne unter Spannung steht und mit so geistreichen Sentenzen wie „Die Welt ist ein Puff“ oder „Frauen haben zwei Augen, um bei der Partnerwahl eins zudrücken zu können“, zu punkten suchte, nüchtern-ironisch Zeugnis ab: Das letzte Bier werde er wohl „aus der Schnabeltasse trinken“ müssen.

Noch keine solche benötigten die restlichen Teilnehmer. Frank Wesselmann aus Berlin, der auf den originellen Künstlernamen Wehwalt Koslovsky hört, bot dem Publikum eine expressionistische Faust-Analogie dar und erzählte als „der Fister“, der „nun ach viel Ephedrin, Bulimie und Scientology leider probiert“ habe, teils ordinär-vulgär, vom oberflächlichen Hipster-Leben in Berlin und ließ dabei seiner Misanthropie freien Lauf: „Kann mir jemand sagen, warum sich eure Eltern paarten?“, schmetterte der mehrfache Finalist der deutschen Slam-Poetry-Meisterschaften dem Publikum entgegen.

Gar eine ehemalige deutsche U-20-Meisterin stand in Person von Jule Weber im Scheinwerferlicht, die in Storytelling-Manier post-adoleszente Sorgen und Befindlichkeiten artikulierte. Sie erzählte vom Suchen der Liebe und der Freiheit; von „Holger“, der den blauen Himmel und den „Hochseehai“ liebt, weil der immer in Bewegung ist, aber der nur gleichförmig jeden Tag zur Arbeit im Büro robotiert. Das Leitmotiv waren Dichotomien: Wagnis versus Risiko, Freiheit gegen „Hoffentlich Allianz versichert“, wie der zweite Text Webers hieß, den sie im Finale präsentierte.

Ganz ohne Bühnenerfahrung

Gänzlich ohne Bühnenerfahrung kam Lucas, der seinen Nachnamen lieber für sich behält, daher. Umso warmherziger begrüßte ihn das Publikum, das mehrheitlich in seinem Alter war. Der Steinheimer, und somit der zweite Lokalmatador, las seine tiefschürfenden Reflexionen in Form eines Briefes an (s)eine verflossene oder unerfüllte Liebe leider etwas introvertiert und selbstversunken vom Blatt ab.

Nils Früchtenicht aus Oldenburg, ebenfalls vom Publikum ins Finale applaudiert, erzählte von der Lust, Regeln (wie etwa „Lass dich nie auf deine Mitbewohnerin ein“) und soziale Dogmen zu sprengen. Wenn das Leben „ein Pferd“ sei und die „Gefühle Zügel“, will das junge Nordlicht „den wildesten Ritt, bei dem es auch wirklich keine Regeln mehr gibt“ – und für seine Angebetete, die der „Hafen im schwarzen Meer der Südsee“ sei, als „Schiff mit zerrissenen Segeln vor Anker gehen“.

Andi Rebholz erzählte in einer Mixtur aus Storytelling und Stand-up-Comedy satirisch von den Eigenheiten einer Geislinger Kreisliga-Fußballmannschaft: von „Provinz-Ronaldos“ sowie „Zeugwarten für Alkoholika“ – und lieferte im Finale einen Raptext namens „Pampa-Poesie“, der mit gelungenen und humorvollen Punchlines das Lachen und Klatschen auf seine Seite zog.

Doch der Abend hatte zwei Stars. Einmal Lisa Eckhart – gleichsam extrovertierte wie exaltierte Exil-Grazerin aus Berlin. Zuerst lieferte die 22-jährige studierte Germanistin und – laut eigener Aussage – „Faust-Besessene“ mit einer beeindruckenden Bühnenpräsenz und rasenden Reimketten einen faustisch-fantastischen Dialog zwischen Moses, Gott und Luzifer ab – um sich dann aber im Finale endgültig den Sieg zu sichern: mit einer beeindruckend metaphorisch und inhaltsreich geschriebenen und gereimten Sozialkritik, die das Niveau des gesamten Abends nochmal deutlich zu toppen vermochte.

Der zweite Star freilich war kein „Slammer“, sondern Moderator „Hanz“. Der Ludwigsburger Autodidakt und Ex-Lehramtsstudent bewies beeindruckende Schlagfertigkeit und Entertainmentqualitäten – nicht nur, wenn er „Sponti-Weisheiten“ wie „Eine Atombombe kann einem den ganzen Tag verderben“ zum Besten gab.

// Text: Christian Nick

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